Geschichten..., Journalistisches...

Blockupy


1.

Ich trage ein Schild um den Hals, auf dem ich für 500 Euro Eckregelsatz werbe. Ich laufe durch den immer größer werdenden bunten Haufen junger Menschen, die sich zur Demonstration versammelt haben. Die Sonne scheint. Die Stimmung ist gut. Ich habe ausgesprochen gute Laune. Ich passiere zwei junge Frauen. Die eine hat sich gerade Kaffee oder ähnliches über die Hose gekippt und sagt gerade zur anderen: „Mist, jetzt sehe ich doch aus wie ein Schwein.“ Dabei lächelt sie. Ihr Lächeln berührt mich. Ich bleibe stehen und schaue mir erst die Flecken auf ihrer Hose, dann sie und schließlich das Lächeln in ihrem Gesichte an. Dann sekundiere ich: „Aber ein hübsches Schwein.“ Und lächele selbst. Sie daraufhin, strahlend wie ein junger Sommertag, nur ein wenig schüchterner: „Danke schön“. Dann strahle auch ich. Und gehe weiter meiner Wege. Schön, wie einfach das Leben manchmal doch ist. Und wie schön.

2.

Öffentliche Sitzung des Innenausschusses des Hessischen Landtages. Der Innenminister verbreitet Dinge, die ich nicht als Wahrheiten zu bezeichnen vermag. Danach spricht der Einsatzleiter der Polizei. Er beamt Fotos an die Wand: Viele junge Menschen mit Regenschirmen, einige mit Sonnenbrillen, andere hochgezogenen Kapuzen von Kapuzenpullovern. Bei allen sieht man die Gesichter. Das Foto ist jedoch so dunkel gedimmt, dass man kaum irgendetwas wirklich erkennt. Der Einsatzleiter beschreibt dazu, ich zitiere sinngemäß: „Und hunderte solcher vermummter Radikaler waren in Frankfurt vor Ort!“ Ich murmele in meinen Bart, dass ich keinen Vermummten sehen könne und was an der Ausübung demokratischer Rechte denn linksradikal wäre. Aber ich darf nichts sagen. Nicht laut. Denn die Demokratie im Hessischen Landtag beschränkt sich auf das Rederecht für Repräsentanten und von diesen namentlich Herbeizitierte – sowie die Schweigepflicht für alle anderen. Dann ein Foto, um die Gewalt zu verdeutlichen, die von den Demonstrierenden für die öffentliche Ordnung ausging: Vielleicht zwanzig Polizisten mit Helmen, in schwarzer Monstranz, Knieschützern, Ärmelschützern, Knüppel- und Prügelmontur. Einer von ihnen hat eine weiß eingefärbte Hose weil er einen Luftballon voller weißer Farbe abbekommen hat. Da platzt mir der Kragen. „Da, da sind sie, die Vermummten“, rufe ich in den Raum – und die Hälfte der Anwesenden lacht mit mir mit. Immerhin. Wenigstens das also: Widerständig lachen kann man auch mit den Großkopferten. Zumindest mit einigen hiervon. Trotzdem lache ich lieber mit den Schweinen. Besonders den hübschen. Bin halt auch nur ein Mensch.

Mehr Infos (auch zur Solidemo am Samstag, den 8. Juni 2013) hier und hier. Und ein guter Artikel der FR zum Thema hier. Zitat: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, heißt es in einem Aufruf zur Demo am Samstag. DGB, SPD, Grüne und Linke solidarisieren sich.“

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