Fremdes..., Journalistisches...

Birgit Vanderbeke: Gehorsame Völker gehen in den Krieg, ungehorsame Völker lieben den Frieden


Rezension zu „Lügen die Medien“ von Jens Wernicke.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die in Frankreich lebende amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein von einem amerikanischen General besucht, der sie fragte, was ihrer Meinung nach getan werden sollte, um die Deutschen zu erziehen. Sie hatte eine klare Antwort darauf: „Da gibt es nur eins und das ist ihnen Ungehorsam beizubringen, so lange sie gehorsam sind so lange werden sie früher oder später von einem Schurken herumkommandiert werden und es wird Unheil geben. Lehren Sie sie Ungehorsam, … lassen Sie jedes deutsche Kind wissen daß es seine Pflicht ist wenigstens einmal am Tag seine gute Tat zu tun und nicht zu glauben was sein Vater oder sein Lehrer ihm sagt.“ (Gertrude Stein, ein Leben in Bildern, hg. von Renate Stendhal, S. 258)

Inzwischen habe ich eine gewisse Übung in dieser Art „guter Tat“. Eine sehr gute Tat ist mir noch lebhaft erinnerlich:

Am 5. Februar 2003 saßen mein Mann und ich vor dem  Fernsehen und sahen uns die UNO-Vollversammlung an. Die USA wollten Krieg gegen den Irak, und der Außenminister Colin Powell wollte die Zustimmung der UNO. Dafür musste er sie davon überzeugen, dass der Irak im Besitz von Massenvernichtungsmitteln wäre. Schon Tage zuvor war im Vorraum zum Sitzungssaal des UN-Gebäudes Picassos „Guernica“-Tapisserie mit blauen Vorhängen verhüllt worden. Hätte ja auch sonderbar ausgesehen, wenn sich das kriegerische Spektakel in der UNO ausgerechnet vor dem heftigsten Antikriegs-Zeugnis des 20. Jahrhunderts abgespielt hätte. Da hätten die Leute ins Grübeln kommen können.

Im Sitzungssal saß also nun Powell, hinter ihm stand sicherheitshalber der CIA-Chef, um geheimdienstliches Expertentum zu dokumentieren.

Powell zeigte der Vollversammlung irgendwelche Info-Grafiken, Fotografien, Satellitenaufnahmen und Videos. Ich erinnere mich an Aufnahmen von LKWs, mein Mann erinnert sich an etwas, das er Kinderzeichnungen nannte und von dem er sagte, so was mache ich dir in einer Viertelstunde.

Das gezeigte Material war absolut aussagefrei. Powell redete eine Weile lang über die wahnsinnige Expertise, die dazu nötig gewesen wäre, den Bildern analytisch das zu entnehmen, was für den Betrachter unsichtbar darin enthalten sei. Dann redete er noch eine Weile, und dann kam der Punkt, an dem mein Mann und ich uns ansahen und einer von uns beiden sagte, der lügt, und der andere sagte, dass sich die Balken biegen. Wir waren völlig sicher. Das hatte nicht unbedingt mit dem zu tun, was Powell sagte, obwohl es schon recht dreist war, mit Bildern vor die UNO zu gehen, von denen es keinen Hauch einer Rückschließbarkeit auf eventuelle Massenvernichtungswaffen gab. Es war etwas anderes: Der Mann hatte ein Kreuz auf der Stirn. Das sagten Eltern früher ihren Kindern, wenn die sie anschwindelten: Du hast ja ein Kreuz auf der Stirn. Jeder konnte sehen, dass Powell ein Kreuz auf der Stirn hatte.

Nachdem das Material also der Welt präsentiert worden war, beugten sich Sicherheitsfachleute darüber und sagten am nächsten Tag, dass darin keine Massenvernichtungswaffen oder Hinweise auf Massenvernichtungsmittel verborgen seien.

Üblicherweise begründen Länder, die einen Krieg gegen andere Länder führen wollen, ihre kriegerischen Absichten mit Lügen, aber meistens sitzen mein Mann und ich dann gerade nicht vor dem Fernseher, deshalb habe ich dieses Ereignis sozusagen aus erster Hand und Anschauung.

Übrigens schätzten die Mitglieder des UN Sicherheitsrats den denkwürdigen Auftritt des amerikanischen Außenministers überwiegend so ein wie wir: 12 der 15 Mitglieder lehnten den Antrag ab, darunter bekanntlich auch Deutschland.

Ebenfalls skeptisch waren die dänische Zeitung „Dagbladet“ sowie das deutsche Online-Magazin „Telepolis“, das von „Onkel Powells Märchenstunde“ sprach.

Das musste man allerdings im Blätterwald erst einmal finden, denn die FAZ, die Berliner Zeitung, die BILD und viele viele andere rauschten lauter  und kamen zu dem Schluß, „Iraks Diktator Saddam Hussein versteckt Massenvernichtungswaffen, täuscht die UN-Inspektoren und belügt die ganze Welt“ (Bildzeitung, Quelle: Gerhard Paul, Der Bilderkrieg, 2005).

Es kam nicht zu einer Resolution, aber dennoch zum Krieg, und große Teile der desinformierten westlichen Gesellschaften glaubten, dieser Krieg habe mit den besagten Massenvernichtungswaffen sowie irgendwelchen ominösen Verbindungen zwischen Osama bin Laden und Saddam Hussein zu tun.

Hatte er nicht.

Der sonderbare Irrglaube vieler Menschen wiederum hatte damit zu tun, dass die großen westlichen Medien den Public-Relation-Strategen des Pentagon aus der Hand gefressen haben und den Blödsinn unermüdlich zirkulieren ließen. Ulrich Tilgner, der damals noch beim ZDF Auslandskorrespondent war und aus Bagdad berichtete, beschrieb das Vorgehen kurz darauf folgendermaßen: „Die Meister der Öffentlichkeitsarbeit bauen Drohkulissen auf, um die Weltmeinung für eine militärische Auseinandersetzung zu gewinnen und gleichzeitig dem Gegner Angst vor ihrem High-Tech-Waffenarsenal einzuflößen. Die Planer kolportierten Angriffsszenarien, …, die die Weltöffentlichkeit und den Gegner in die Irre führen.“ (Tilgner, Der inszenierte Krieg, 2003, S. 133)

Tilgner ist heute übrigens nicht mehr beim ZDF. Im Gespräch mit Jens Wernicke, auf dessen Buch ich hiermit zu sprechen kommen möchte, erzählt er, warum er seinen Vertrag mit dem öffentlich-rechtlichen Sender 2010 gekündigt hat. Ich hatte mich immer mal wieder gefragt, was mit Tilgner eigentlich los ist, weil seine Nahost-Berichte mir irgendwann sehr fehlten, aber dann hatte ich doch wieder vergessen, es zu ergründen, und es ist das unschätzbare Verdienst des gerade erschienenen „Medienkritik-Kompendiums“ von Jens Wernicke, mich in Sachen Tilgner und anderer auf den Stand der Dinge gebracht zu haben, und der haut einen – vorsichtig gesagt – aus den Socken.

Der Titel des Buches ist dabei viel harmloser als sein Inhalt.

Dass die Medien lügen, ist eine historische Tatsache und kein Geheimnis. Nicht einmal „umstritten“. Es hat damit zu tun, dass sie in unseren westlichen Gesellschaften überwiegend Leuten oder Konzernen gehören, die sehr gern ihre Ansichten über die Welt publiziert und verbreitet wissen wollen, zu welchem Zweck sie Journalisten beschäftigen. Solange die Medien Leuten oder Konzernen gehören, war das so und wird das so sein, wobei Medien ja nicht nur journalistische Inhalte publizieren – einen großen Teil ihrer Einnahmen beziehen sie nicht aus dem Verkauf ihrer Inhalte, sondern längst ist es so, dass man die journalistischen Inhalte inmitten der Werbeanzeigen oder –artikel kaum mehr entdecken kann und journalistische Inhalte auch gern schon mal mit PR-Botschaften „angereichert“ werden oder direkt fusionieren.

Spannend an dem Buch ist also nicht die Beantwortung der Frage „Lügen die Medien“ (na klar), sondern das, was dahinter steht: …, und wenn ja, wie tun sie das?

Darüber nun spricht Wernicke mit 24 klugen Leuten, die natürlich alle wissen, dass die Medien und die dazugehörigen Journalisten lügen. Das betrifft auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen (das weder in staatlichem noch in privatem Besitz ist, also eigentlich gute Karten für demokratischen Journalismus hätte), von dem sich die älteren unter uns noch erinnern können, dass zu Zeiten von Willy Brandt in diesem Medium zuweilen eine kostbare Meinungsvielfalt herrschte, die uns heute die Tränen in die Augen treiben könnte, wenn wir nicht unsentimental zur Kenntnis nehmen müssten, dass diese Meinungsvielfalt auch dort längst verschwunden ist. Die Monopolisierung der Welt bringt’s mit sich.

Im ersten Kapitel unterhält sich Wernicke mit Leuten aus der Branche (Walter van Rossum, David Goeßmann, Ulrich Teusch, Volker Bräutigam, Ulrich Tilgner, Stephan Hebel, Werner Rügemer sowie dem im letzten Jahr verstorbenen Eckart Spoo). Die meisten Gesprächsteilnehmer sagen gelegentlich auf die direkte Frage, ob die Medien lügen: na ja, da muss man differenzieren. Na ja, das ist etwas komplexer. Na ja, die Journalisten tun’s ja nicht mit Absicht. Na ja, so pauschal will ich das nicht behaupten. Es gibt ja auch Ausnahmen.

Ich finde diese Einschränkungen verständlich: Wenn ich noch einen Groschen in der Zunft verdienen wollte, würde ich als Zunftmitglied auch nicht direkt sagen, dass man gleich vergessen kann, was da mit welchen Methoden für die Öffentlichkeit zusammengebraut wird. Und stimmt ja: es gibt auch Ausnahmen. Tilgner, wie gesagt, fehlt mir seit Jahren, und kürzlich habe ich – nur ein völlig willkürliches Beispiel, es gibt erfreulicherweise noch mehr, allerdings nicht in den klassischen Medien – einen Vortrag von Ulrike Herrmann hier gesehen.

Aber dann kommen doch Wörter, die so sehr weit von „Lügen“ auch nicht entfernt sind, und die ziehen sich in den wunderbarsten Varianten durch das gesamte Buch:

Halbwahrheiten, Ausblendungen, Überbetonungen, Stereotypen, fehlerhafte Übersetzungen, Schlamperei, falsches Zahlenmaterial, irreführende Überschriften, schlichte Falschberichte, Zeitdruck, vorauseilender Gehorsam, Boulevardisierung, Simplifizierung, Emotionalisierung, Moralisierung, Polarisierung, Melodramatisierung, Manipulation, Visualisierung, ökonomische Zwänge, Hofberichterstattung, Propaganda, d.h. Zeigen und Ausblenden durch Erwähnen und Weglassen etc. etc. Es geht auch englisch: Wording, Framing, Storytelling, Agent-Deletion usw.

Das Schöne bei diesem Buch nun ist, dass in jedem einzelnen Gespräch über die Medienthematik die Sache nicht in Jammern und Wehklagen mündet, sondern immer eine Geschichte dranhängt, oft hängen sogar mehrere Geschichten dran (zur aberwitzigen Funktionsweise der Medien sagt jeder was, aber dann auch noch zu diversen brennenden Themen und ihrer Behandlung in den Medien, beispielsweise zur politischen Ökonomie, zur Genese von Kriegen und Krisen sowie ihrer Darstellung, zum Klimawandel, zu Sozialerosionen, Wachstumsgrenzen, geopolitischen Zusammenhängen u.v.m.), und bei den meisten dieser Geschichten sagt sich der unbewanderte Leser: Holla die Waldfee, das kann doch wohl nicht wahr sein.

Oh doch. Ist alles einwandfrei belegt und in einem Anmerkungsteil hinten sauber ausgewiesen. Die Leute in diesem Buch beherrschen ihr Handwerk.

Die beiden anschließenden Kapitel („Die Denker“, „Die Zivilgesellschaft“) fügen den Insider-Erzählungen weitere und oft wunderbar erhellende Aspekte hinzu, in den Gesprächen wird analysiert, in die Breite gedacht, in die Geschichte gegangen, in die Entwicklung des ganzen Elends, jeder macht es auf seine Weise brillant, und alle diese Gespräche fallen mehrheitlich unter meine Vorstellung von einem guten Krimi, der sich in diesem Buch allerdings häufig zum echten Thriller auswächst, wobei auch die Psycho- und vor allem die Agentengeschichten mich kalt erwischt und enorm reingezogen haben, besonders die letzteren kannte ich nicht und bin jetzt im Bilde, wie sich die „Fabrikation des Konsens“ seit Chomskys Arbeiten darüber (in den 90er Jahren, ein Vortrag ist in Wernickes Buch publiziert) verändert, privatisiert, monopolisiert, fiktionalisiert und so perfekt pervertiert hat, dass einem der Hut wegfliegt.

Und jetzt kommt ein ganz kleiner und sehr bitterer Wermutstropfen: Keiner von den 25 sehr klugen Leuten hat die geringste Ahnung, wie man diesen gigantischen Augiasstall ausgemistet kriegen könnte.

Aufklärung? Bildung? Kritik? Demokratisierung? Entprivatisierung? Medienkritische Kompetenz schon vom Kindergartenalter an?  Mir klingt das alles etwas müde, um nicht zu sagen lasch. Hat ja in den letzten Jahrzehnten im Hase-und-Igel-Spiel nicht wirklich prickelnde Erfolge gebracht.

Ich glaube, ich mag am liebsten, was David Goeßmann sagt: „Die Kräfte, die die Welt von unten verbessern wollen, brauchen Foren, auf denen sie voneinander lernen und sich austauschen können.“ Das kommt mir auch so vor.

Dass der Stall ausgemistet gehört, weiß man jedenfalls nach der Lektüre des Buches glasklar und vergisst es so schnell nicht.

Besonders diesen Satz werde ich bestimmt nicht vergessen, er ist von Sabine Schiffer: Es ist „immer wichtig, genau darauf zu achten, wer in der Berichterstattung tötet, getötet wird oder einfach umgekommen ist.“ (S. 289)

Und natürlich sollte jedes Kind einmal am Tag seine gute Tat tun und nicht glauben, was die Zeitung ihm sagt. Mindestens.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Homepage der Bestsellerautorin Birgit Vanderbeke.

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Fremdes..., Journalistisches...

Vom Wesentlichen ablenken


Verkürzen, unterschlagen, verfälschen: Jens Wernicke über Propaganda, Rudeljournalismus und den Kampf um die öffentliche Meinung.

Von Rüdiger Göbel.

Infolge der aktuellen medialen wie politischen Einseitigkeit erodiere »das Vertrauen der Menschen in die gesellschaftliche Ordnung an sich«, konstatiert der Journalist Jens Wernicke in seinem aktuellen Buch »Lügen die Medien?«. Dies sei durch umfangreiche Studien belegt, etwa durch das »2017 Edelman Trust Barometer«. Die von einer der größten PR-Agenturen der Welt erstellte Untersuchung spreche von einer »weltweiten Kernschmelze des Vertrauens« der Menschen in die Medien, in die Politik, in die parlamentarische Demokratie und das gesamte »System«.
In der Tendenz begrüßt Wernicke die Entwicklung: »Das, was uns als ›Krise des Vertrauens in die Medien‹ dargeboten und als Resultat des wachsenden Einflusses von Populisten auf die Menschen erklärt wird, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil. Nicht ›dümmer‹, sondern ›wacher‹ werden die Menschen in einer Zeit, in der die inneren Widersprüche ›allgemeiner Wahrheiten‹ immer offensichtlicher zutage treten.« Rund zwei Jahre lang ist der Autor durch Deutschland gereist und hat mit Journalisten, Medienkritikern und Wissenschaftlern gesprochen, immer geleitet von der Frage: »Lügen die Medien?« In seinem Buch kommen journalistische Schwergewichte zu Wort wie Walter van Rossum, David Goeßmann, Ulrich Teusch, Volker Bräutigam, Ulrich Tilgner, Stephan Hebel, Werner Rügemer und der im vergangenen Dezember verstorbene Ossietzky-Herausgeber Eckart Spoo. Der international bekannte, vielzitierte Linguist und Herrschaftskritiker Noam Chomsky ist mit einem Aufsatz über den »Mythos der freien Presse« vertreten.
Zu Recht bewirbt der Verlag die Interviewsammlung als »Kompendium der Medienkritik«. Wernickes Band ist überaus informativ, politisch hochspannend und auch für Nichtexperten und -insider durchweg verständlich geschrieben. Der Autor leistet mit seinen Gesprächspartnern sachlich fundierte linke Medienkritik, fernab von lautstarken Schmähungen und billiger Schelte. Es geht um das große Ganze der Meinungsmache für die Herrschenden. Pointiert auf den Punkt bringt dies Noam Chomsky: »Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. Sollen die Leute sich mit etwas anderem beschäftigen. Hauptsache, sie stören uns nicht – wobei ›wir‹ die Leute sind, die das Heft in der Hand haben. Wenn sie sich zum Beispiel für den Profisport interessieren, ist das ganz in Ordnung. Wenn jedermann Sport oder Sexskandale oder die Prominenten und ihre Probleme unglaublich wichtig findet, ist das okay. Es ist egal, wofür die Leute sich interessieren, solange es nichts Wichtiges ist.«
Immer wieder werden illustre Einzelbeispiele eingestreut, etwa Constanze von Bullions Versuch, die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht im SZ-Porträt in die Naziecke zu stellen oder die BND-Lobhudeleien der Reporterin Annette Ramelsberger. Wernickes Buch ist eine kollektive Großtat. Allein die Ausführungen des langjährigen Kriegsberichterstatters Ulrich Tilgner über subtile und weniger subtile Einflussnahme auf seine Arbeit sind eine Lehrstunde der Aufklärung. »Die Medien lügen nicht«, so der frühere Teheran-Korrespondent des ZDF, »sie verkürzen, unterschlagen, verdrehen und verfälschen«. Auf das Wort »Lügenpresse« reagiere er »allergisch«, unterstelle es doch einen bewussten Akt. Genau diesen gebe es in den Medien aber »ausgesprochen selten«. Weil Tilgner sich weigerte, in die großen Lobgesänge auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr einzustimmen, wurde er beim Zweiten nach und nach ausgebootet. Seine Möglichkeiten, als für die Afghanistan-Berichterstattung verantwortlicher Korrespondent das Scheitern des Westens und auch Deutschlands zu beleuchten, wurden zunehmend beschnitten. »So wurde ich regelmäßig nach Bagdad geschickt, wenn ein Kollege aus Mainz in Afghanistan affirmative Berichte über den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch fertigte.« Später, so Tilgner, habe er erfahren, dass er im Auswärtigen Amt in Berlin als »nicht vertrauenswürdig und damit als nicht zu unterstützender Journalist gewertet wurde«. Am Ende habe das für Afghanistan zuständige Einsatzführungskommando in Potsdam selbst einfache Drehwünsche nicht genehmigt.
Journalisten seien auch nur »Teil der Maschinerie eines insgesamt absurden Systems. (…) Ohne eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann ich mir keine Veränderung der Medien vorstellen. Sie sind Ausdruck der heutigen Lage, die dringend einer Veränderung bedarf.«

Jens Wernicke: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend-Verlag 2017, 360 S., 18 Euro

(Der Artikel erschien zuerst in der junge Welt vom 31.08.2017, Seite 15 / Medien.)

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Fremdes..., Seelisches...

Wer wir sind und werden könnten


Deine Prägung hat begonnen, als deine Eltern dich gezeugt haben. Die Umstände deiner Zeugung haben die Einstellung deiner Mutter zu dir geprägt und bei dir ist das Grundmuster der symbiotischen Beziehung zu deiner Mutter entstanden. Daraus entwickelt sich entweder eine natürliche, gesunde Symbiose oder ein Symbiosetrauma.

  • Haben deine Eltern aus Liebe miteinander geschlafen und sich gewünscht, dabei ein Kind zu zeugen, dann war deine Mutter glücklich und hat sich auf dich gefreut. Du hast dich willkommen und geliebt gefühlt (gesunde Symbiose). „Ich bin willkommen!“
  • Wollten deine Eltern ihren eigenen Eltern gefallen und haben ein Kind gezeugt, um die Illusion der „perfekten Familie“ zu leben, dann hatte deine Mutter riesige Erwartungen an dich. Sie wollte, dass du sie stolz machst. Es ging von Anfang an nicht um dich, du warst dazu bestimmt, die Vorstellungen anderer zu erfüllen (Symbiosetrauma). „Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich andere glücklich mache!“
  • Wenn deine Mutter nur ihre eheliche Pflicht erfüllt hat und dabei mehr oder weniger zufällig schwanger wurde, dann hat sie das vielleicht erst spät bemerkt und dich als Teil ihrer Pflicht betrachtet. Du wurdest nicht bemerkt und hattest das Gefühl, nichts wert zu sein (Symbiosetrauma). „Niemand interessiert sich für mich!“
  • Vielleicht war es unverbindlicher Sex nach einer durchgefeierten Nacht und die Zeugung war ein „Unfall“. Die Erkenntnis schwanger zu sein war für deine Mutter ein Schock, aber sie hat dich behalten weil eine Abtreibung nicht infrage kam. Du durftest bleiben, hast dich aber nicht geliebt gefühlt (Symbiosetrauma). „Es ist nicht wichtig ob ich da bin, mich liebt eh keiner!“
  • Möglicherweise wollte dein Vater deine Mutter verlassen und sie wurde ohne sein Einverständnis schwanger, in der Hoffnung dass er dann bleibt und alles wieder gut wird. Deine Mutter hat all ihre Hoffnung, endlich geliebt zu werden, in diese Schwangerschaft gelegt. Du warst von Anfang an überfordert (Symbiosetrauma). „Ich muss ständig für die Bedürfnisse anderer Da sein!“
  • Oder deine Mutter wurde vergewaltigt und die daraus entstandene Schwangerschaft war für sie eine Katastrophe. Sie musste dich behalten, weil eine Abtreibung nicht möglich war, obwohl sie dich lieber losgeworden wäre. Du wurdest abgelehnt und hattest das Gefühl, gehasst zu werden (Symbiosetrauma). „Ich bin schlecht und ich bin es nicht wert geliebt zu werden!“

Der so in dir entstandene Glaubenssatz ist prägend für dein späteres Beziehungsverhalten.

Die perfekte Symbiose!

Egal, wie es dazu kam, jetzt bist du im Bauch deiner Mutter, in einer symbiotischen Beziehung, wie sie schöner nicht sein kann. Es ist warm und kuschelig, du fühlst dich sicher, du wirst über die Nabelschnur mit allem versorgt, was zum Überleben nötig ist und musst dich um nichts kümmern, deine Bedürfnisse werden befriedigt, bevor du sie wahrnimmst, es ist perfekt – wie im Paradies. Für neun Monate bist du mit deiner Mutter zu einer Einheit verschmolzen, du kannst nicht zwischen dir und ihr unterscheiden und alles was sie in diesen neun Monaten erlebt, wird unmittelbar zu deiner Erfahrung. Du fühlst, was sie fühlt, teilst ihre Hoffnungen, ihre Erwartungen, ihre Ängste, ihren Schmerz, ihre Freude, ihre Leidenschaft… Egal, was passiert, du kannst nichts dagegen tun, musst es ertragen – du steckst fest und kannst nicht entkommen.

Von der Symbiose zum Symbiosetrauma!

Nach spätestens neun Monaten kommt der Tag, an dem du den Bauch deiner Mutter verlassen musst. Gleich nachdem du den warmen und kuscheligen Raum der Geborgenheit verlassen hast, wird deine Nabelschnur durchtrennt. Die Verbindung zu deiner Mutter, die Garantie für Versorgung und Sicherheit, ist plötzlich weg! Was für ein Schock! Du hast keine Vorstellung, wie es jetzt weiter gehen soll. Wer wird dich jetzt versorgen, wer wird sich um deine Bedürfnisse kümmern? Du bist hilflos, ausgeliefert, verloren und hast Todesangst! Wenn deine Mutter sich auf dich gefreut hat und dich liebt, ist sie jetzt für dich da und du bist wieder in Sicherheit. Ist sie jedoch nicht sofort oder gar nicht für dich da, wird jetzt aus der perfekten Symbiose ein Symbiosetrauma.

Nach der Geburt (für ca. 3 Jahre) ist es die aktive Aufgabe deiner Mutter, all deine Bedürfnisse wahrzunehmen und die Rundumversorgung fortzusetzen. Du bist noch vollkommen unselbstständig und von ihr abhängig, egal, wie oft sie dich enttäuscht, du hast keine Wahl und musst ihr vertrauen. Du brauchst deine Mutter als Spiegel, sie muss dir deine Gefühle reflektieren und erklären. So lernst du dich selbst, getrennt von ihr, als eigenständiges Wesen kennen. Wenn du lachst, muss sie auch lachen, wenn du Aua sagst, muss deine Mutter dir bestätigen, dass du Schmerzen hast. Du musst dich in ihr wiedererkennen und brauchst ihre Bestätigung, um dich sicher und berechtigt zu fühlen. Ohne ihre zuverlässige Bindung bist du in Lebensgefahr! „Mama – ohne deine Bestätigung bin ich nichts.“

Das Symbiosetrauma und die damit einhergehende Verstrickung entstehen, wenn deine Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden, deine Mutter jedoch ihre Bedürfnisse an dich richtet und erwartet, dass du diese befriedigst. So kommt es nicht zur vollständigen Abnabelung, du kannst dich nicht zu einem autonomen, selbsterfüllten Menschen entwickeln. Es bleiben unerfüllte Bedürfnisse in dir zurück, die du scheinbar nur befriedigen kannst, wenn du dich um die Bedürfnisse anderer kümmerst. Die Nabelschnur bleibt die Verbindung zu deiner Mutter, und zwar dein Leben lang – auch dann, wenn deine Mutter gestorben ist, die Verbindung lebt in dir und du hältst sie aufrecht.

Für immer dein!

In der Pubertät beginnst du dich von deinem Elternhaus zu lösen und suchst nach neuen Wegen, um deine Bedürfnisse zu befriedigen. Du suchst nach Partnern, die dich ergänzen und vollständig machen. Am Anfang einer neuen Beziehung, wenn die Sexualität im Vordergrund steht und die Hormone die gemeinsame Zeit bestimmen, funktioniert das auch. Du fühlst dich so gut wie schon lange nicht, so stark und endlich glücklich, du könntest die ganze Welt umarmen. Bis du eines Morgens neben deiner Mutter aufwachst, es aber nicht bemerkst. An diesem Tag fängst du an, mehr zu erwarten, du wirst kritischer und bemerkst, dass auch diesmal etwas fehlt.

Du willst auch mal wieder nur für dich sein, dein Ding machen und erträgst es nicht, dass dein Partner ständig an dir klebt und dir keine Luft zum Atmen lässt. Oder du kommst einfach nicht damit klar, dass dein Partner immer unterwegs ist und nie Zeit für dich hat, obwohl du dir das so sehr wünschst. Das ist der Anfang einer Beziehungskrise. Du gleitest von einer Symbiose in dein Symbiosetrauma.

Du suchst dir nicht nur einen Partner, der die Leere in dir ausfüllen soll, sondern du entscheidest dich für einen Partner, der sich genauso verhält wie deine Mutter. Ein Partner, der dich, genau wie sie es getan hat, entweder vereinnahmt oder ablehnt, erfüllt alle Programme, die du brauchst, um deine Abwehr-, Überlebens- und Anpassungsstrategien aufrecht zu erhalten. Obwohl du ihn ständig bekämpfst, hast du bei diesem Partner das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Es fühlt sich genauso an wie Zuhause bei Mama, eigentlich ist es unerträglich, aber es ist das, was du kennst! Deinem Partner geht es ganz genauso, ihr repräsentiert euch gegenseitig und gleichzeitig – eure Mama. Solange beide mitspielen und keiner anfängt, Fragen zu stellen, ist das eine ganz „normale, harmonische“ Partnerschaft. Und genau diese Illusion – ist die Katastrophe. Ihr benutzt euch gegenseitig, um euer Symbiosetrauma zu wiederholen! Wenn du das erkennst, bietet dir jeder Partner die Möglichkeit, tiefer in dein Beziehungsmuster einzudringen und dein Symbiosetrauma zu erkennen.

Weiterlesen: https://meeresperle.de/therapie/therapiethemen/symbiosetrauma

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Fremdes..., Gedichte...

Wie ich Dir begegnen möchte


Ich möchte Dich lieben, ohne Dich einzuengen;
Dich wertschätzen, ohne Dich zu bewerten;
Dich ernst nehmen, ohne Dich auf etwas festzulegen;
zu Dir kommen, ohne mich Dir aufzudrängen;
Dich einladen,
ohne Forderungen an Dich zu stellen;
Dir etwas schenken,
ohne Erwartungen daran zu knüpfen;
von Dir Abschied nehmen,
ohne Wesentliches versäumt zu haben;
Dir meine Gefühle mitteilen,
ohne Dich für sie verantwortlich zu machen;
Dich informieren, ohne Dich zu belehren;
Dir helfen, ohne Dich zu beleidigen;
mich um Dich kümmern, ohne Dich verändern zu wollen;
mich an Dir freuen, so wie Du bist.

Wenn ich von Dir das Gleiche bekommen kann,
dann können wir einander wirklich begegnen
und uns gegenseitig bereichern.

(Virginia Satir)

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Fremdes..., Gedichte...

Wildgänse


Du musst nicht gut sein,
Du musst nicht hunderte von Meilen
auf deinen Knien durch die Wüste rutschen
und bereuen.

Du musst nur das zarte Tier deines Körpers
lieben lassen, was es liebt.

Erzähl mir von deiner Verzweiflung
und ich erzähle dir meine.
Während sich die Erde weiter dreht,
während die Sonne
und die klaren Regenkiesel
über die Landschaften ziehen,
über die Prärien
und die tiefen Wälder,
die Berge und die Flüsse.

Während die Wildgänse,
hoch in der klaren blauen Luft fliegen,
ihrem Zuhause entgegen.

Wer du auch bist,
ganz gleich wie einsam,
die Welt zeigt sich dir
in deiner Vorstellung,
ruft dich wie die Wildgänse,
rauh und aufgeregt –
und verkündet immer wieder
deinen Platz
in der Familie der Dinge.

(Mary Oliver)

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Fremdes..., Gedichte...

Autobiographie in fünf Kapiteln


I.
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos lange, wieder herauszukommen.

II.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

III.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

IV.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

V.
Ich gehe eine andere Straße.

(Portia Nelson)

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Journalistisches..., Redaktionelles...

Das Ende der Demokratie


Exklusivabdruck eines Beitrages aus dem Buch „Fassadendemokratie und Tiefer Staat: Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter“.

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