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Die Freude am Ungehorsam


Hoffnungslosigkeit und Ohnmachtsgefühle sind der ideale Nährboden für Neoliberalismus und Krieg. Dem setzt Rubikon seine Mutmach-Sonderausgabe entgegen, die vom 18. bis 22. Februar 2020 erscheint.

von Elisa Gratias, Jens Lehrich und Jens Wernicke

Eine bessere Welt ist nötig. Möglich wird sie aber erst, wenn viele Menschen die tiefe Sehnsucht danach in sich spüren und zulassen. Wenn sie zugleich den Mut in sich entwickeln, bei starkem Gegenwind voranzuschreiten, denn die Mächtigen wollen uns nicht als glückliche, voll verwirklichte Menschen. Bürger mit starkem Defizit-Empfinden sind leichter manipulierbar. Oft gilt die Absicht, es sich gut gehen zu lassen und an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten unter politischen „Köpfen“ als irrelevant oder gar konterrevolutionär. Das ist ein Trugschluss. Nur Menschen, die mit sich im Reinen und davon überzeugt sind, dass sie Besseres verdienen, werden sich ihr Recht auf ein erfülltes Leben erkämpfen. In einer Welt, in der wir gezwungen werden sollen, uns in eine graue Welt zu fügen, führt der Weg zum Glück über den Ungehorsam. Der Rubikon feiert den freudvollen Widerstand mit einem Themen-Special.

„Es ist eine der wichtigsten Strategien psychologischer Kriegsführung, uns unser Recht auf ein schönes und erfülltes Leben auszureden! Leiden gehört zum Menschsein. Ein erfülltes Leben allerdings auch. Es liegt also in unserer Verantwortung, dem Bewusstsein für Leid ein Bewusstsein für die Schönheit des Lebens zur Seite zu stellen“, schreibt Christiane Borowy im Rubikon-Buch „Nur Mut!“.

Ähnlich sieht es auch Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke:

„Wenn wir nicht daran glauben, dass wir es wert sind, gut behandelt und geliebt zu werden, neigen wir dazu, uns den Interessen und Ideologien der Mächtigen zu unterwerfen. Dann geben wir ein ums andere Mal klein bei, wenn man uns den nächsten Krieg oder Maßnahmen gegen unser aller Wohl zu ‚verkaufen‘ sucht — denn die anderen wissen ja, was ‚für uns alle‘ das Beste ist. Die Errichtung einer besseren, menschlicheren Welt beginnt daher stets bei der Wiederentdeckung der eigenen Würde, dem festen Glauben an sie und unsere ureigene Wahrnehmung: Nur, wenn wir uns selbst wertschätzen und unseren Gefühlen trauen, können wir Lüge, Verrat und Missbrauch erkennen und ihnen widerstehen.“

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/die-freude-am-ungehorsam

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Der Wahnsinn der Normalität


Es ist scheinheilig, die Kriege zwischen Staaten zu verdammen — und den Krieg im gesellschaftlichen Alltag zu übersehen, der unsere Kinder und uns unserer Selbstwahrnehmung und unseres Mitgefühls beraubt.

von Birgit Assel

Der Artikel vom Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke, der kürzlich im Rubikon erschien, hat mich sehr berührt. Sein Mut, seine persönliche Situation und seine Kindheitsgeschichte öffentlich zu machen, beeindruckte mich tief. Tagtäglich werden kleine Menschen verängstigt, zu etwas gezwungen, traumatisiert. Aus diesen kleinen Menschen werden gebrochene Erwachsene. Und aus jenen, die sich dieser Verletztheit nicht stellen, entsteht eine entfremdete Gesellschaft, die weder sich noch den Planeten, auf dem sie lebt, zu schützen oder zu lieben vermag. Sie fühlt sich selbst nicht mehr und hat damit auch den Zugang zu dem verloren, was wahr und richtig ist. Es ist höchste Zeit, endlich über Trauma zu reden!

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/der-wahnsinn-der-normalitat-2

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Seien wir uns etwas wert!


Wir sollten lernen, das Leben und einander zu lieben — eine andere Wahl haben wir nicht.

von Elisa Gratias und Jens Wernicke

Woran erkennen Sie Beziehungen von Wert? Daran, dass der andere Ihnen nach dem Mund redet oder stets tut, was Ihrer Meinung nach das Beste für Sie ist? Wir meinen: Wirkliche Be-ziehung sieht anders aus — und ist vor allem eines: ein Ort offener Bezogenheit, die zu persönlichem Wachstum einlädt. Ein Ort, an dem Empathie Brücken über Differenzen baut, kein Ort, an dem jeder den anderen zu erziehen und sich selbst gleich zu machen versucht.

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/seien-wir-uns-etwas-wert

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Die Sehnsucht nach Leben


Wie politisch das zutiefst Private ist, skizziert Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke in einem sehr persönlichen Hilferuf.

Als er 11 Jahre alt war, kam die Frau, die er Mutter nannte, überraschend des Nachts in sein Zimmer und sprach, die Stimme unverhohlen mit Hass erfüllt: „Vater ist tot. Er ist tot, weil du immer so ein böser Junge warst. Und er kehrt nie mehr zurück.“ Die Tür schloss sich, als die Mutter ging, und für ihn erlosch in diesem Moment nicht nur erneut das Licht in seinem Kinderzimmer, sondern zugleich auch das Licht der Sterne. Sein Universum verfinsterte sich und ein gewichtiger Teil seiner Seele starb seinem Vater nach. Für viele Monate, vielleicht Jahre, verlor er das letzte bisschen seiner Fähigkeit, zu lachen oder zu weinen. Dabei war der Vater, von dem diese Frau sprach, erst vor wenigen Jahren in sein Leben getreten und hatte ihn schließlich mit seiner Zustimmung adoptiert. In einer Welt voller Angst und Wahnsinn war er für kurze Zeit der einzig sichere Hafen für diesen Jungen gewesen. Etwas, das er bis dahin gar nicht gekannt hatte, und nach dem er den Rest seines Lebens auf der Suche sein würde.

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/die-sehnsucht-nach-leben-2

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Liebe und Trauma


Für A. + J.

„Liebe ist, wenn man einander nicht Halt,
sondern Wind unter den Flügeln ist.“

Jens Wernicke

„Wenn alle Menschen, ob Opfer oder Täter, über das sprechen würden, was ihnen jetzt noch unsagbar erscheint, und offen dafür wären, dass all das ans Licht kommen darf, was sie zu Tätern oder Opfern hat werden lassen, wäre die Psychiatrie in ihrer heutigen Form bald überflüssig. Und wenn es Eltern gelänge, sich ihre eigenen Traumata und Verstrickungen anzusehen und aufzulösen, wäre das die beste Therapie für ihre oft sehr belasteten Kinder. Es wäre zugleich die wirkungsvollste Präventionsmaßnahme, um der Angst, dem Hass, der Verzweiflung, der Verwirrung und der Gewalt in der nächsten Generation den Nährboden zu entziehen.
Die gemeinsame und öffentliche Beschäftigung mit den Ursachen psychischer Verletzungen und seelischer Verstrickungen und ihren generationsübergreifenden Nachwirkungen in Gruppen veränderungsbereiter Menschen kann ein neues Bewusstsein schaffen für das Zusammenleben von Männern und Frauen, Eltern und Kindern und den Menschen in einer Gesellschaft. Denn, was wir heute tun, kann noch in 100 Jahren Wirkungen haben – wir tragen dafür die Verantwortung im Guten wie im Schlechten. Wir sollten uns den Polaritäten von Mann und Frau, Täter und Opfer, Macht und Ohnmacht gemeinsam neu stellen, um neue Lösungen zu finden. Ein Herz für die Täter zu haben, hilft den Opfern. Die Ohnmacht anzuerkennen, macht offen für Hilfe. Die Wahrheit bringt den Wahn zum Verschwinden. Die Liebe heilt die seelischen Wunden. Heilung geschieht, wenn wir mit Liebe die Seelen von Menschen berühren.

Franz Ruppert: „Trauma, Bindung und Familienstellen“

„Weil sie voller Ängste sind und Wahrheiten nicht wissen wollen, sind es die Überlebensanteile, die das Gerücht verbreiten, dass man durch die Wahrheit traumatisiert werden könnte. Für sie ist es ‚normal‘, zu lügen, zu betrügen und Geheimnisse zu haben. Für sie erscheint es ‚logisch‘, die eigenen Befindlichkeiten und Absichten vor anderen zu verbergen. Das Chaos an Verdrehungen, Halbwahrheiten und bewussten Lügen, das in ihnen selbst herrscht, verbreiten Menschen, die in ihren Überlebensstrategien denken und handeln, um sich herum. Sie stehen unter dem Druck, ihre Mitmenschen von ihrer Pseudonormalität überzeugen zu müssen.
Die Wahrheit traumatisiert jedoch niemanden. Für gesunde Anteile sind Wahrheit und Klarheit wesentliche Ressourcen. Gesunde Anteile, welche sich aus symbiotischen Verstrickungen herauslösen müssen, finden zu einer Form der inneren Klarheit, die andere, die sich niemals freikämpfen mussten, möglicherweise gar nicht kennen. (…)
Der Schritt in die Klarheit bedeutet auch zu erkennen, dass es keine Instanz außerhalb mehr gibt, die einem sagen könnte, was richtig und falsch ist und was jetzt das Beste für einen selbst wäre und deshalb jetzt zu tun ist. (…) Es stellt sich die Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht die Erwartungen anderer erfülle? Wenn ich nicht funktioniere? Wenn ich mich nicht mehr aufopfere? Was bleibt dann von mir übrig? Was liegt unter dem vermeintlichen Schutzmantel aus Selbstverleugnung und versuchter Selbstauflösung? Was ist mein eigener Grund, weshalb ich lebe? Was macht meine Lebensfreude aus?

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Es kann sehr ernüchternd sein zu sehen, wie sehr das, was man bislang für seine eigene Persönlichkeit gehalten hat, in weiten Teilen ein Konglomerat übernommener Traumata und Überlebensstrategien darstellt. Dies führt zu einer großen Verunsicherung und zu einer vorübergehenden Identitätskrise. Dieser Prozess ist ein notwendiges Durchgangsstadium für das Ausbilden gesunder, eigener Ich-Strukturen, weil erst das Alte aufgegeben werden muss, damit es Neuem Platz macht.

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Der Überlebenswille kann keine klaren eigenen Ziele entwickeln. Er hängt sich an das an, was andere meinen, und wendet sich oft gegen etwas, was andere wollen, in der Annahme, etwas Schlimmes verhindern zu müssen. (…)
In symbiotischen Verstrickungen ist der eigene Wille ein Anpassungswille. Anpassung macht blass, farb- und konturlos. Man schwimmt einfach mit den anderen und der Masse mit, denkt wie alle anderen und fühlt wie sie. So glaubt man sich in einem größeren Ganzen aufgehoben und kann sich gar nicht vorstellen, ohne dieses äußere Universum existieren zu können. Dadurch wird man leicht manipulierbar und verhält sich wie ein Fähnchen im Wind.

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Es ist schwer, diese kindliche Haltung aufzugeben, den Eltern helfen zu wollen. Das Bewusstsein dafür, dass die Eltern so sind, wie sie sich verhalten, weil sie traumatisiert sind, fehlt Kindern natürlich. Stattdessen machen manche aus diesem dringenden Wunsch, helfen zu wollen, später ihren Beruf und werden zum Beispiel Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Krankenschwestern oder Ärzte. Einzusehen, dass man traumatisierten Menschen nicht helfen kann, wenn diese selbst ihre Traumata nicht ansehen und daran arbeiten wollen oder können, verlangt eine bewusste Entscheidung gegen das spontane Mitleiden und die unablässige Sorge, wie man am besten helfen könnte.
Die Einsicht, nicht helfen zu können, konfrontiert uns mit der Realität, dass die Beziehung zu einem traumatisierten Menschen zu großen Teilen aus Wunschfantasien besteht. (…) Das Aufgeben von solchen Retterfantasien macht innerlich frei. Erst dann können wir erkennen, wo wir wirklich etwas für andere tun können und wo nicht. Es macht frei von nicht lösbaren familiären Traumalasten und öffnet den Blick für das Lösbare. (…)
In jedem, der retten will, steckt ein innerer Anteil, der selbst gerettet werden möchte. Das entspricht der Situation des kleinen Kindes, das seinen Eltern helfen möchte, damit es selbst deren Unterstützung und Schutz erfährt. Daher gilt es auch, über diese Haltung hinauszuwachsen, dass ein anderer einen retten soll.“

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Sind die mit Notwendigkeit auftretenden Paarkonflikte hingegen nicht lösbar, so beruhen sie in der Regel auf symbiotischen Verstrickungen. Symbiotische Verstrickungen in Partnerschaften sind die Folge davon, dass sich Menschen mit Symbiosetrauma-Erfahrung aus ihrer Kindheit gegenseitig angezogen haben. Weil solche Partner in sich gespalten sind, in einen Anteil, der dringend Nähe und Liebe sucht, und einen anderen Anteil, der wegen der schlechten Erfahrungen in der Kindheit Angst vor zu viel Nähe hat und falschen Vorstellungen von Liebe nachhängt, finden sich einerseits die traumatisierten Anteile zielsicher in der Hoffnung, endlich von einem anderen Menschen gesehen zu werden. Andererseits aber kommen die Partner wegen ihrer Überlebensanteile nicht richtig zusammen und stoßen sich gegenseitig immer wieder zurück. So können verstrickte Paare nicht voneinander lassen und nie wirklich in Harmonie miteinander auskommen.
Illusionen und Idealsierungen, die im Verhältnis zu Mutter und Vater aufgebaut wurden, werden auf den Partner übertragen. Ebenso ist die Bereitschaft hoch, sich in die Traumata des Partners einzufühlen, seine seelischen Leiden mittragen zu wollen und zu versuchen, ihm zu helfen, wie man es schon immer in Bezug auf den traurigen Vater oder die überforderte Mutter getan hat oder immer noch macht. Die Idealisierung eines Partners wie die Identifikation mit seinem seelischen Leiden wird mit Liebe verwechselt – eine andere Form der Liebe hat man als Kind eben nicht kennengelernt. Die Liebesformel in symbiotisch verstrickten Beziehungen lautet: Wir brauchen einander zum gemeinsamen Ertragen unseres Leidens.
Die Angst, mit den unerträglichen Gefühlen aus dem eigenen Symbiosetrauma in Kontakt zu kommen, verhindert eine zu große emotionale Öffnung und führt bei zu intensiver Nähe mit dem Partner leicht zu einem automatischen Abschalten der Gefühle, um den befürchteten Kontrollverlust zu verhindern.“

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Das Zusammenleben und Abhängigsein von traumatisierten Menschen bedeutet Dauerstress und lässt einen Menschen innerlich nie zur Ruhe kommen. Je mehr sich jemand aus symbiotisch verstrickten Beziehungen befreien kann, je mehr er versteht, dass dauerhaft gute Beziehungen mit traumatisierten Menschen, die nicht an sich arbeiten, nicht möglich sind, desto mehr wächst in ihm das Bedürfnis nach gesunden Beziehungen.

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Wer sich von der illusionären Liebe eines anderen Menschen abhängig macht, kämpft um dessen Zuneigung ohne Aussicht auf Erfolg. Er bemerkt nicht, dass der andere gar nicht ihn meint, sondern einem Liebesmythos anhängt, den sein Überlebens-Ich sich konstruiert.“

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

„Es ist aussichtslos, Menschen auf ihre Illusionen hinzuweisen, solange sie nicht selbst das Bedürfnis und die Notwendigkeit verspüren, ihre Ansichten und Handlungsweisen zu hinterfragen. Selbst wenn man jemand, der seine Illusionen braucht, um sich seiner schmerzhaften und verstrickten inneren Situation nicht bewusst zu werden, mit den besten Argumenten konfrontiert, wird dies in der Regel zu heftiger Gegenwehr führen. Menschen verteidigen ihre Überlebensstrategien umso zäher, je mehr sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Sie haben Angst, sonst in das Chaos ihrer Traumagefühle abzustürzen und völlig die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren.“

Franzt Ruppert: „Trauma, Angst und Liebe“

Nur wenn Klienten das, was sie in ihren Überlebensstrategien wahrnehmen, fühlen, denken oder erinnern, als ihre Schutzschilder vor dem Kontakt mit der Realität erkennen, können diese an Bedeutung verlieren. Dann haben die gesunden Anteile mehr Raum, sich stärker ins Spiel zu bringen und sich weiter zu entfalten.“

Franzt Ruppert: „Trauma, Angst und Liebe“

 „Wer traumatisiert ist, lehnt die traumatisierten Anteile von sich ab. Seine Überlebensanteile möchten mit ihnen nichts zu tun haben. Wie aber soll man wieder ganz werden, wenn man sich selbst nicht mag? Wenn man nicht Ja sagen kann zu seiner ganzen Person und seiner ganzen Lebensgeschichte? Das therapeutische Durcharbeiten all der schlimmen und schwierigen Lebenserfahrungen kann im Endeffekt nur ein sinnvolles Ziel haben: sich wieder selbst zu mögen und zu lieben, und zwar mit allen Anteilen. Das erscheint den meisten traumatisierten Menschen wie ein sehr fernes Ziel. Es ist jedoch erreichbar.
Es ist nicht erreichbar über narzisstische Grandiositätsgefühle, auch nicht über spirituelle Illusionen, die von den Überlebensanteilen an dieser Stelle gern produziert und für die Wirklichkeit genommen werden. Es ist das Ergebnis eines längeren Weges hin zu den eigenen Ängsten, Wutgefühlen, Schmerzen, Schuld- und Schamgefühlen, welche die Lebensfreude und das Gefühl, ein liebenswerter Mensch zu sein, überlagern.

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

Wenn symbiotisch verstrickte Liebe, also die Illusion von vorgestellter Liebe und die Angst vor wirklicher Nähe und Begegnung, aufgegeben wird, dann kann Liebe jenseits von Trauma und symbiotischer Verstrickung Wirklichkeit werden. Es kann der Satz gesagt werden: Ich liebe mich selbst. Ohne Vorbehalte, ohne schlechtes Gewissen und ohne Arroganz.“

Franz Ruppert: „Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen“

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Neu beginnen


Zuerst nach dem Grauen
Überleben lernen.
Misstrauen lernen
Die Zähne zusammen beißen lernen
Sich verschließen lernen
Nichts mehr davon wissen wollen lernen
Durchhalten und kämpfen lernen.

Dann — vielleicht
weil dein Hartsein
dich langsam zu töten beginnt —
dem Leiden einen Namen geben.

Das Schweigen brechen.
Dem Schrei erlauben,
das Herz zu verbrennen
und die Welt
in Asche versinken lassen. Mit trockenen Tränen
das Licht löschen
stumm werden
in der Dunkelheit!

Jetzt — endlich
der Stille lauschen.
Einem anderen Leuchten
Raum geben und sich davon
berühren lassen.

Und dann
leben lernen
hoffen lernen
lächeln lernen
berühren und berührt werden lernen
vertrauen lernen
lieben lernen.

(Luise Reddemann)

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Rezept


(von Mascha Kaléko)

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

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Kindheit


„Es ist leicht zu durchschauen, dass die vermeintliche innere Führungslosigkeit des Kindes eine Schutzbehauptung von Erwachsenen ist, um sich nicht der revolutionären Wahrhaftigkeit des Kindes aussetzen zu müssen, ebenso wie die repressive Erziehungswut von Erwachsenen oder — in unserer Zeit immer verbreiteter — ihre Tendenz, sich dem Bedürfnis der Kinder nach einem klaren, emotional präsenten Gegenüber zu entziehen, Abwehr gegen die lebendige Herausforderung durch diese bedeutet. Uneinfühlsame Erziehung und narzisstischer Selbstbezug sind zwei Formen, mit denen der Erwachsene das Kind — sein äußeres und inneres — gefährdet, verfolgt, verstößt. Die Folge davon ist eine Gesellschaft, die nur den mach- und kaufbaren Dingen huldigt und emotional ein freudloses Schattendasein führt. Das Kind wartet vor der Schwelle, an der es verraten wurde.“

Peter Schellenbaum: „Die Energie des Lebens spüren. Wie Heilung geschieht“, S. 84 f.

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Ist die Welt überhaupt noch zu retten?


Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke zu den Chancen „alternativer“ Medien und der Frage „Was tun?“.

von Jens Wernicke

Impulsreferat auf der Tagung „Krieg und Frieden in den Medien“ am 28. Januar 2018 in Kassel.

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/ist-die-welt-uberhaupt-noch-zu-retten

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Ich und Du


(Martin Buber, Auszüge)

DEN MENSCHEN, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich stehe in der Beziehung zu ihm, im heiligen Grundwort Ich-Du. Erst wenn ich daraus trete, erfahre ich ihn wieder. Erfahrung ist Du-Ferne. (…)

Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber daß ich zu ihm das Grundwort Ich-Du spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat.

Das Du begegnet mir. Aber ich trete in die unmittelbare Beziehung zu ihm. So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem. (…)

Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nur durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht selber verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Erscheinung stürzt. (…)

Gegenwart (…) gibt es nur insofern, als es Gegenwärtigkeit, Begegnung, Beziehung gibt. Nur dadurch, daß das Du gegenwärtig wird, entsteht Gegenwart. (…) Insofern sich der Mensch an den Dingen genügen läßt, die er erfährt und gebraucht, lebt er in der Vergangenheit, und sein Augenblick ist ohne Präsenz. Er hat nichts als Gegenstände; Gegenstände aber bestehen im Gewesensein. (…)

Wesenheiten werden in der Gegenwart gelebt, Gegenständlichkeiten in der Vergangenheit. (…)

Gefühle begleiten das metaphysische und metapsychische Faktum der Liebe, aber sie machen sie nicht aus; und die Gefühle, die es begleiten, können sehr verschiedener Art sein. Das Gefühl Jesu zum Besessenen ist ein andres als das Gefühl zum Lieblingsjünger; aber die Liebe ist eine. Gefühle werden »gehabt«; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so daß sie das Du nur zum »Inhalt«, zum Gegenstand hätte, sie ist zwischen Ich und Du.

Wer dies nicht weiß, mit dem Wesen weiß, kennt die Liebe nicht, ob er auch die Gefühle, die er erlebt, erfährt, genießt und äußert, ihr zurechnen mag. Liebe ist ein welthaftes Wirken. Wer in ihr steht, in ihr schaut, dem lösen sich Menschen aus ihrer Verflochtenheit ins Getriebe; Gute und Böse, Kluge und Törichte, Schöne und Häßliche, einer um den andern wird ihm wirklich und zum Du, das ist, losgemacht, herausgetreten, einzig und gegenüber wesend; Ausschließlichkeit ersteht wunderbar Mal um Mal – und so kann er wirken, kann helfen, heilen, erziehen, erheben, erlösen. Liebe ist die Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgenen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagenen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben. (…)

Jedes Wort würde fälschen; aber sieh, die Wesen leben um dich her, und auf welches du zugehst, du kommst immer zum Wesen. (…) Die Sehnsucht geht nach der welthaften Verbundenheit des zum Geiste aufgebrochenen Wesens mit seinem wahren Du.

Jedes werdende Menschenkind ruht, wie alles werdende Wesen, im Schoß der großen Mutter: der ungeschieden vorgestaltigen Urwelt. Von ihr auch löst es sich ins persönliche Leben (…). Aber jene Ablösung geschieht nicht, wie die von der leiblichen Mutter, plötzlich und katastrophal; es ist dem Menschenkind Frist gewährt, für die verloren gehende, naturhafte Verbundenheit mit der Welt geisthafte, das ist Beziehung, einzutauschen. (…) Die Schöpfung offenbart ihre Gestaltigkeit in der Begegnung; sie schüttet sich nicht in die wartenden Sinne, sie hebt sich den fassenden entgegen. (…)

Der Mensch wird am Du zum Ich. Gegenüber kommt und entschwindet, Beziehungsereignisse verdichten sich und zerstieben, und im Wechsel klärt sich, von Mal zu Mal wachsend, das Bewußtsein des gleichbleibenden Partners, das Ichbewußtsein. (…) Das Ich [steht] sich selbst, dem abgelösten, einen Augenblick gegenüber, um alsbald von sich Besitz zu ergreifen und fortan in seiner Bewußtheit in die Beziehungen zu treten. (…) Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. (…) Geist ist Wort. (…) In Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, – so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. (…) Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag. Er vermag es, wenn er in die Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt. Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben. (…)

Die wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, daß Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: daß sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und daß sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen. Das zweite entspringt aus dem ersten, ist aber noch nicht mit ihm allein gegeben. Lebendig gegenseitige Beziehung schließt Gefühle ein, aber sie stammt nicht von ihnen. Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendige wirkende Mitte.

Auch Einrichtungen des sogenannten persönlichen Lebens können nicht aus dem freien Gefühl erneuert werden (wiewohl freilich nicht ohne es). Die Ehe etwa wird sich nie aus etwas andrem erneuern, als woraus allzeit die wahre Ehe entsteht: daß zwei Menschen einander das Du offenbaren. Daraus baut das Du, das keinem von beiden Ich ist, die Ehe auf. Dies ist das metaphysische und metapsychische Faktum der Liebe, das von den Liebesgefühlen nur begleitet wird.

Weiterlesen: http://www.celtoslavica.de/sophia/Buber.html

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Wer wir sind und werden könnten


Deine Prägung hat begonnen, als deine Eltern dich gezeugt haben. Die Umstände deiner Zeugung haben die Einstellung deiner Mutter zu dir geprägt und bei dir ist das Grundmuster der symbiotischen Beziehung zu deiner Mutter entstanden. Daraus entwickelt sich entweder eine natürliche, gesunde Symbiose oder ein Symbiosetrauma.

  • Haben deine Eltern aus Liebe miteinander geschlafen und sich gewünscht, dabei ein Kind zu zeugen, dann war deine Mutter glücklich und hat sich auf dich gefreut. Du hast dich willkommen und geliebt gefühlt (gesunde Symbiose). „Ich bin willkommen!“
  • Wollten deine Eltern ihren eigenen Eltern gefallen und haben ein Kind gezeugt, um die Illusion der „perfekten Familie“ zu leben, dann hatte deine Mutter riesige Erwartungen an dich. Sie wollte, dass du sie stolz machst. Es ging von Anfang an nicht um dich, du warst dazu bestimmt, die Vorstellungen anderer zu erfüllen (Symbiosetrauma). „Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich andere glücklich mache!“
  • Wenn deine Mutter nur ihre eheliche Pflicht erfüllt hat und dabei mehr oder weniger zufällig schwanger wurde, dann hat sie das vielleicht erst spät bemerkt und dich als Teil ihrer Pflicht betrachtet. Du wurdest nicht bemerkt und hattest das Gefühl, nichts wert zu sein (Symbiosetrauma). „Niemand interessiert sich für mich!“
  • Vielleicht war es unverbindlicher Sex nach einer durchgefeierten Nacht und die Zeugung war ein „Unfall“. Die Erkenntnis schwanger zu sein war für deine Mutter ein Schock, aber sie hat dich behalten weil eine Abtreibung nicht infrage kam. Du durftest bleiben, hast dich aber nicht geliebt gefühlt (Symbiosetrauma). „Es ist nicht wichtig ob ich da bin, mich liebt eh keiner!“
  • Möglicherweise wollte dein Vater deine Mutter verlassen und sie wurde ohne sein Einverständnis schwanger, in der Hoffnung dass er dann bleibt und alles wieder gut wird. Deine Mutter hat all ihre Hoffnung, endlich geliebt zu werden, in diese Schwangerschaft gelegt. Du warst von Anfang an überfordert (Symbiosetrauma). „Ich muss ständig für die Bedürfnisse anderer Da sein!“
  • Oder deine Mutter wurde vergewaltigt und die daraus entstandene Schwangerschaft war für sie eine Katastrophe. Sie musste dich behalten, weil eine Abtreibung nicht möglich war, obwohl sie dich lieber losgeworden wäre. Du wurdest abgelehnt und hattest das Gefühl, gehasst zu werden (Symbiosetrauma). „Ich bin schlecht und ich bin es nicht wert geliebt zu werden!“

Der so in dir entstandene Glaubenssatz ist prägend für dein späteres Beziehungsverhalten.

Die perfekte Symbiose!

Egal, wie es dazu kam, jetzt bist du im Bauch deiner Mutter, in einer symbiotischen Beziehung, wie sie schöner nicht sein kann. Es ist warm und kuschelig, du fühlst dich sicher, du wirst über die Nabelschnur mit allem versorgt, was zum Überleben nötig ist und musst dich um nichts kümmern, deine Bedürfnisse werden befriedigt, bevor du sie wahrnimmst, es ist perfekt – wie im Paradies. Für neun Monate bist du mit deiner Mutter zu einer Einheit verschmolzen, du kannst nicht zwischen dir und ihr unterscheiden und alles was sie in diesen neun Monaten erlebt, wird unmittelbar zu deiner Erfahrung. Du fühlst, was sie fühlt, teilst ihre Hoffnungen, ihre Erwartungen, ihre Ängste, ihren Schmerz, ihre Freude, ihre Leidenschaft… Egal, was passiert, du kannst nichts dagegen tun, musst es ertragen – du steckst fest und kannst nicht entkommen.

Von der Symbiose zum Symbiosetrauma!

Nach spätestens neun Monaten kommt der Tag, an dem du den Bauch deiner Mutter verlassen musst. Gleich nachdem du den warmen und kuscheligen Raum der Geborgenheit verlassen hast, wird deine Nabelschnur durchtrennt. Die Verbindung zu deiner Mutter, die Garantie für Versorgung und Sicherheit, ist plötzlich weg! Was für ein Schock! Du hast keine Vorstellung, wie es jetzt weiter gehen soll. Wer wird dich jetzt versorgen, wer wird sich um deine Bedürfnisse kümmern? Du bist hilflos, ausgeliefert, verloren und hast Todesangst! Wenn deine Mutter sich auf dich gefreut hat und dich liebt, ist sie jetzt für dich da und du bist wieder in Sicherheit. Ist sie jedoch nicht sofort oder gar nicht für dich da, wird jetzt aus der perfekten Symbiose ein Symbiosetrauma.

Nach der Geburt (für ca. 3 Jahre) ist es die aktive Aufgabe deiner Mutter, all deine Bedürfnisse wahrzunehmen und die Rundumversorgung fortzusetzen. Du bist noch vollkommen unselbstständig und von ihr abhängig, egal, wie oft sie dich enttäuscht, du hast keine Wahl und musst ihr vertrauen. Du brauchst deine Mutter als Spiegel, sie muss dir deine Gefühle reflektieren und erklären. So lernst du dich selbst, getrennt von ihr, als eigenständiges Wesen kennen. Wenn du lachst, muss sie auch lachen, wenn du Aua sagst, muss deine Mutter dir bestätigen, dass du Schmerzen hast. Du musst dich in ihr wiedererkennen und brauchst ihre Bestätigung, um dich sicher und berechtigt zu fühlen. Ohne ihre zuverlässige Bindung bist du in Lebensgefahr! „Mama – ohne deine Bestätigung bin ich nichts.“

Das Symbiosetrauma und die damit einhergehende Verstrickung entstehen, wenn deine Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden, deine Mutter jedoch ihre Bedürfnisse an dich richtet und erwartet, dass du diese befriedigst. So kommt es nicht zur vollständigen Abnabelung, du kannst dich nicht zu einem autonomen, selbsterfüllten Menschen entwickeln. Es bleiben unerfüllte Bedürfnisse in dir zurück, die du scheinbar nur befriedigen kannst, wenn du dich um die Bedürfnisse anderer kümmerst. Die Nabelschnur bleibt die Verbindung zu deiner Mutter, und zwar dein Leben lang – auch dann, wenn deine Mutter gestorben ist, die Verbindung lebt in dir und du hältst sie aufrecht.

Für immer dein!

In der Pubertät beginnst du dich von deinem Elternhaus zu lösen und suchst nach neuen Wegen, um deine Bedürfnisse zu befriedigen. Du suchst nach Partnern, die dich ergänzen und vollständig machen. Am Anfang einer neuen Beziehung, wenn die Sexualität im Vordergrund steht und die Hormone die gemeinsame Zeit bestimmen, funktioniert das auch. Du fühlst dich so gut wie schon lange nicht, so stark und endlich glücklich, du könntest die ganze Welt umarmen. Bis du eines Morgens neben deiner Mutter aufwachst, es aber nicht bemerkst. An diesem Tag fängst du an, mehr zu erwarten, du wirst kritischer und bemerkst, dass auch diesmal etwas fehlt.

Du willst auch mal wieder nur für dich sein, dein Ding machen und erträgst es nicht, dass dein Partner ständig an dir klebt und dir keine Luft zum Atmen lässt. Oder du kommst einfach nicht damit klar, dass dein Partner immer unterwegs ist und nie Zeit für dich hat, obwohl du dir das so sehr wünschst. Das ist der Anfang einer Beziehungskrise. Du gleitest von einer Symbiose in dein Symbiosetrauma.

Du suchst dir nicht nur einen Partner, der die Leere in dir ausfüllen soll, sondern du entscheidest dich für einen Partner, der sich genauso verhält wie deine Mutter. Ein Partner, der dich, genau wie sie es getan hat, entweder vereinnahmt oder ablehnt, erfüllt alle Programme, die du brauchst, um deine Abwehr-, Überlebens- und Anpassungsstrategien aufrecht zu erhalten. Obwohl du ihn ständig bekämpfst, hast du bei diesem Partner das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Es fühlt sich genauso an wie Zuhause bei Mama, eigentlich ist es unerträglich, aber es ist das, was du kennst! Deinem Partner geht es ganz genauso, ihr repräsentiert euch gegenseitig und gleichzeitig – eure Mama. Solange beide mitspielen und keiner anfängt, Fragen zu stellen, ist das eine ganz „normale, harmonische“ Partnerschaft. Und genau diese Illusion – ist die Katastrophe. Ihr benutzt euch gegenseitig, um euer Symbiosetrauma zu wiederholen! Wenn du das erkennst, bietet dir jeder Partner die Möglichkeit, tiefer in dein Beziehungsmuster einzudringen und dein Symbiosetrauma zu erkennen.

Weiterlesen: https://meeresperle.de/therapie/therapiethemen/symbiosetrauma

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Die Sucht nach Leiden


Es wurde mir deutlich, daß die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die Bewußtwerdung des Unbewußten, eine wichtige Arbeit ist, die anders eingebunden sein muß als in die Struktur des Leidens. Die Energie fließt in den Bereich, auf den wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Konzentrieren wir uns auf das Leiden, verfestigen wir es. Öffnen wir uns für Freude und Spaß am Leben, wird das Leben farbenfroher, reicher und erfüllter.

Ich erkannte, daß ich Freude kultivieren muß, wenn ich Freude in meinem Leben erfahren möchte. Freude ist die Qualität, die dem Herzen entspringt, wenn es sich dem Fluß des Lebens öffnet. Bestimmte Prinzipien erleichtern oder erschweren diesen Zugang. Diese Prinzipien sind Eigenverantwortlichkeit, Vergebung, Dankbarkeit und Dienst am anderen. Diese Begriffe sind nicht neu, und oft werden sie mißverstanden. Von daher will ich kurz erläutern, was sie für mich bedeuten und in welchem Zusammenhang sie mit der Kultivierung der Freude stehen.

Verantwortung hat damit zu tun, daß ich meine Lebensumstände als meine eigene Kreation erkennen kann. Viele Menschen empfinden sich als Opfer des Schicksals. Sie fühlen sich den Umständen ohnmächtig ausgeliefert und haben nicht die Macht oder Kraft, ihre Lage zu ändern. Wenn ich mir die Menschen anschaue, mit denen ich arbeite und die solche Gefühle mitteilen, muß ich oft ihren Eindruck bestätigen. Es fehlt ihnen sowohl an innerer wie körperlicher Kraft und an Selbstdisziplin, diese Kraft aufzubauen. Der Komfort unseres Lebensstils trägt nicht dazu bei, unsere Widerstandskraft und Ausdauer zu stärken. Selbstdisziplin hat einen negativen Beigeschmack als Pflichtübung oder Unterwerfung unter Autorität oder zumindest als Einschränkung unserer persönlichen Freiheit. Uns fehlt ein Verständnis von Selbstdisziplin als Fähigkeit, das zu empfangen, was uns bereits gehört. Um empfangen zu können, brauche ich einen Behälter, in den das Universum seine Gaben hineinschütten kann. Ohne den Behälter versickert die Energie wie ein Fluß, dessen Flußbett ausgeufert ist. Das Flußbett der meisten Menschen, die ich in meiner Praxis sehe, hat unklare Konturen und Löcher, durch die die eigene Lebensenergie wegrieselt. Ihnen fehlt die Kraft, das in ihrem Leben zu erreichen, was sie erreichen möchten. Als erstes muß ich daher das Flußbett so ausbessern, daß es den Fluß der Energie halten und in die gewünschte Richtung lenken kann. Diese Reparaturarbeit oder gar Neukonstruktion erfordert tägliche, disziplinierte Übung. Der Unterschied zu der Autorität von außen liegt darin, daß es meine Wahl ist, meine Verantwortung, ob ich mich dieser Anstrengung unterziehen will, um mein Leben in den Griff zu bekommen, oder nicht.

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