Fremdes..., Gedichte...

Meine Seele hat es eilig


Ich zählte meine Jahre und entdeckte, dass mir weniger Lebenszeit bleibt, als die, die ich bereits durchlebt habe.
Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Schachtel Bonbons gewann: die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit mehr für endlose Konferenzen, in denen Statuten, Regeln, Verfahren und interne Vorschriften besprochen werden, wohl wissend, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Versammlungen, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern, wenn’s hochkommt, die Überschriften. ​Meine Zeit ist zu knapp, um über Überschriften zu diskutieren.
Ich suche nach dem Wesentlichen, denn meine Seele hat es eilig. Ohne viele Süssigkeiten in der Schachtel.
Ich möchte mit Menschen leben, mit menschlichen Menschen.
Die über ihre Irrtümer lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite von Wahrheit und Anstand gehen möchten.
Das ist es, wofür es sich zu leben lohnt.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die sich darauf verstehen, das Herz der Menschen zu berühren. Menschen, die die harten Schläge des Lebens lehrten, in sanften Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja … ich habe es eilig … in der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden.
Ich bin mir sicher, dass sie noch köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

(Ricardo Gondim)

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Neu beginnen


Zuerst nach dem Grauen
Überleben lernen.
Misstrauen lernen
Die Zähne zusammen beißen lernen
Sich verschließen lernen
Nichts mehr davon wissen wollen lernen
Durchhalten und kämpfen lernen.

Dann — vielleicht
weil dein Hartsein
dich langsam zu töten beginnt —
dem Leiden einen Namen geben.

Das Schweigen brechen.
Dem Schrei erlauben,
das Herz zu verbrennen
und die Welt
in Asche versinken lassen. Mit trockenen Tränen
das Licht löschen
stumm werden
in der Dunkelheit!

Jetzt — endlich
der Stille lauschen.
Einem anderen Leuchten
Raum geben und sich davon
berühren lassen.

Und dann
leben lernen
hoffen lernen
lächeln lernen
berühren und berührt werden lernen
vertrauen lernen
lieben lernen.

(Luise Reddemann)

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Rezept


(von Mascha Kaléko)

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

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Wer bin ich


Ihr sagen
wollen
dass ich sie noch immer
liebe

trotz des Schmerzes
der Lüge
des Verrats

der Jahre
die vergingen seitdem

liebe
die Wahrheit in ihr

Warum?

Vielleicht
weil ich will
dass sie weiß
dass nur Liebe wirklich ist
alles andere Angst

Doch
wer bin ich
ihr sagen zu wollen
was Liebe ist?

Wie lieblos
wäre das?

(22. Januar 2018)

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Wie ich Dir begegnen möchte


Ich möchte Dich lieben, ohne Dich einzuengen;
Dich wertschätzen, ohne Dich zu bewerten;
Dich ernst nehmen, ohne Dich auf etwas festzulegen;
zu Dir kommen, ohne mich Dir aufzudrängen;
Dich einladen,
ohne Forderungen an Dich zu stellen;
Dir etwas schenken,
ohne Erwartungen daran zu knüpfen;
von Dir Abschied nehmen,
ohne Wesentliches versäumt zu haben;
Dir meine Gefühle mitteilen,
ohne Dich für sie verantwortlich zu machen;
Dich informieren, ohne Dich zu belehren;
Dir helfen, ohne Dich zu beleidigen;
mich um Dich kümmern, ohne Dich verändern zu wollen;
mich an Dir freuen, so wie Du bist.

Wenn ich von Dir das Gleiche bekommen kann,
dann können wir einander wirklich begegnen
und uns gegenseitig bereichern.

(Virginia Satir)

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Wildgänse


Du musst nicht gut sein,
Du musst nicht hunderte von Meilen
auf deinen Knien durch die Wüste rutschen
und bereuen.

Du musst nur das zarte Tier deines Körpers
lieben lassen, was es liebt.

Erzähl mir von deiner Verzweiflung
und ich erzähle dir meine.
Während sich die Erde weiter dreht,
während die Sonne
und die klaren Regenkiesel
über die Landschaften ziehen,
über die Prärien
und die tiefen Wälder,
die Berge und die Flüsse.

Während die Wildgänse,
hoch in der klaren blauen Luft fliegen,
ihrem Zuhause entgegen.

Wer du auch bist,
ganz gleich wie einsam,
die Welt zeigt sich dir
in deiner Vorstellung,
ruft dich wie die Wildgänse,
rauh und aufgeregt –
und verkündet immer wieder
deinen Platz
in der Familie der Dinge.

(Mary Oliver)

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Autobiographie in fünf Kapiteln


I.
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos lange, wieder herauszukommen.

II.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

III.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

IV.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

V.
Ich gehe eine andere Straße.

(Portia Nelson)

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Leben lernen


Von der Sonne lernen, zu wärmen
Von den Wolken lernen, leicht zu schweben
Vom Wind lernen, Anstöße zu geben
Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen
Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein

Von den Blumen das Leuchten lernen
Von den Steinen das Bleiben lernen
Von den Büschen im Frühling
Erneuerung lernen
Von den Blättern im Herbst
das Fallenlassen lernen
Vom Sturm die Leidenschaft lernen

Vom Regen lernen, sich zu verströmen
Von der Erde lernen, mütterlich zu sein
Vom Mond lernen, sich zu verändern
Von den Sternen lernen,
einer von vielen zu sein
Von den Jahreszeiten lernen,
dass das Leben immer von Neuem beginnt

(Ute Latendorf)

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Krank


Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken läßt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er mißachten
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiss dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank

(Erich Fried)

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Lob der Verzweiflung


Es ist ein verzweifeltes Tun
die Verzweiflung herunterzumachen
denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem
was es ist
Sie denkt das aus
vor dem wir Ausflüchte suchen
Sie sieht dem ins Gesicht
vor dem wir die Augen verschließen

Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie
Keiner der bessere Argumente hätte als sie
Keiner der in Erwägung all dessen
was sie und wir wissen
mehr Recht darauf hätte als sie
so zu sein wie sie ist

Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich
Erst langsam erkennt sie sich selbst
Nach den ersten Worten
die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen:
sie ist nicht froh
sie ist noch immer sie selbst

Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen
Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist
weiß sie selbst nicht
Sie kann zornig sein
sie kann bissig und ungerecht sein
sie kann zu besorgt sein um ihre eigne Würde

Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
noch weniger Würde zu finden
noch weniger Ehrlichkeit
noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht
Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen
Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln

(Erich Fried)

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Wie du solltest geküsset sein


Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse
Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut
deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist

(Erich Fried)

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