Fremdes..., Journalistisches...

Birgit Vanderbeke: Gehorsame Völker gehen in den Krieg, ungehorsame Völker lieben den Frieden


Rezension zu „Lügen die Medien“ von Jens Wernicke.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die in Frankreich lebende amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein von einem amerikanischen General besucht, der sie fragte, was ihrer Meinung nach getan werden sollte, um die Deutschen zu erziehen. Sie hatte eine klare Antwort darauf: „Da gibt es nur eins und das ist ihnen Ungehorsam beizubringen, so lange sie gehorsam sind so lange werden sie früher oder später von einem Schurken herumkommandiert werden und es wird Unheil geben. Lehren Sie sie Ungehorsam, … lassen Sie jedes deutsche Kind wissen daß es seine Pflicht ist wenigstens einmal am Tag seine gute Tat zu tun und nicht zu glauben was sein Vater oder sein Lehrer ihm sagt.“ (Gertrude Stein, ein Leben in Bildern, hg. von Renate Stendhal, S. 258)

Inzwischen habe ich eine gewisse Übung in dieser Art „guter Tat“. Eine sehr gute Tat ist mir noch lebhaft erinnerlich:

Am 5. Februar 2003 saßen mein Mann und ich vor dem  Fernsehen und sahen uns die UNO-Vollversammlung an. Die USA wollten Krieg gegen den Irak, und der Außenminister Colin Powell wollte die Zustimmung der UNO. Dafür musste er sie davon überzeugen, dass der Irak im Besitz von Massenvernichtungsmitteln wäre. Schon Tage zuvor war im Vorraum zum Sitzungssaal des UN-Gebäudes Picassos „Guernica“-Tapisserie mit blauen Vorhängen verhüllt worden. Hätte ja auch sonderbar ausgesehen, wenn sich das kriegerische Spektakel in der UNO ausgerechnet vor dem heftigsten Antikriegs-Zeugnis des 20. Jahrhunderts abgespielt hätte. Da hätten die Leute ins Grübeln kommen können.

Im Sitzungssal saß also nun Powell, hinter ihm stand sicherheitshalber der CIA-Chef, um geheimdienstliches Expertentum zu dokumentieren.

Powell zeigte der Vollversammlung irgendwelche Info-Grafiken, Fotografien, Satellitenaufnahmen und Videos. Ich erinnere mich an Aufnahmen von LKWs, mein Mann erinnert sich an etwas, das er Kinderzeichnungen nannte und von dem er sagte, so was mache ich dir in einer Viertelstunde.

Das gezeigte Material war absolut aussagefrei. Powell redete eine Weile lang über die wahnsinnige Expertise, die dazu nötig gewesen wäre, den Bildern analytisch das zu entnehmen, was für den Betrachter unsichtbar darin enthalten sei. Dann redete er noch eine Weile, und dann kam der Punkt, an dem mein Mann und ich uns ansahen und einer von uns beiden sagte, der lügt, und der andere sagte, dass sich die Balken biegen. Wir waren völlig sicher. Das hatte nicht unbedingt mit dem zu tun, was Powell sagte, obwohl es schon recht dreist war, mit Bildern vor die UNO zu gehen, von denen es keinen Hauch einer Rückschließbarkeit auf eventuelle Massenvernichtungswaffen gab. Es war etwas anderes: Der Mann hatte ein Kreuz auf der Stirn. Das sagten Eltern früher ihren Kindern, wenn die sie anschwindelten: Du hast ja ein Kreuz auf der Stirn. Jeder konnte sehen, dass Powell ein Kreuz auf der Stirn hatte.

Nachdem das Material also der Welt präsentiert worden war, beugten sich Sicherheitsfachleute darüber und sagten am nächsten Tag, dass darin keine Massenvernichtungswaffen oder Hinweise auf Massenvernichtungsmittel verborgen seien.

Üblicherweise begründen Länder, die einen Krieg gegen andere Länder führen wollen, ihre kriegerischen Absichten mit Lügen, aber meistens sitzen mein Mann und ich dann gerade nicht vor dem Fernseher, deshalb habe ich dieses Ereignis sozusagen aus erster Hand und Anschauung.

Übrigens schätzten die Mitglieder des UN Sicherheitsrats den denkwürdigen Auftritt des amerikanischen Außenministers überwiegend so ein wie wir: 12 der 15 Mitglieder lehnten den Antrag ab, darunter bekanntlich auch Deutschland.

Ebenfalls skeptisch waren die dänische Zeitung „Dagbladet“ sowie das deutsche Online-Magazin „Telepolis“, das von „Onkel Powells Märchenstunde“ sprach.

Das musste man allerdings im Blätterwald erst einmal finden, denn die FAZ, die Berliner Zeitung, die BILD und viele viele andere rauschten lauter  und kamen zu dem Schluß, „Iraks Diktator Saddam Hussein versteckt Massenvernichtungswaffen, täuscht die UN-Inspektoren und belügt die ganze Welt“ (Bildzeitung, Quelle: Gerhard Paul, Der Bilderkrieg, 2005).

Es kam nicht zu einer Resolution, aber dennoch zum Krieg, und große Teile der desinformierten westlichen Gesellschaften glaubten, dieser Krieg habe mit den besagten Massenvernichtungswaffen sowie irgendwelchen ominösen Verbindungen zwischen Osama bin Laden und Saddam Hussein zu tun.

Hatte er nicht.

Der sonderbare Irrglaube vieler Menschen wiederum hatte damit zu tun, dass die großen westlichen Medien den Public-Relation-Strategen des Pentagon aus der Hand gefressen haben und den Blödsinn unermüdlich zirkulieren ließen. Ulrich Tilgner, der damals noch beim ZDF Auslandskorrespondent war und aus Bagdad berichtete, beschrieb das Vorgehen kurz darauf folgendermaßen: „Die Meister der Öffentlichkeitsarbeit bauen Drohkulissen auf, um die Weltmeinung für eine militärische Auseinandersetzung zu gewinnen und gleichzeitig dem Gegner Angst vor ihrem High-Tech-Waffenarsenal einzuflößen. Die Planer kolportierten Angriffsszenarien, …, die die Weltöffentlichkeit und den Gegner in die Irre führen.“ (Tilgner, Der inszenierte Krieg, 2003, S. 133)

Tilgner ist heute übrigens nicht mehr beim ZDF. Im Gespräch mit Jens Wernicke, auf dessen Buch ich hiermit zu sprechen kommen möchte, erzählt er, warum er seinen Vertrag mit dem öffentlich-rechtlichen Sender 2010 gekündigt hat. Ich hatte mich immer mal wieder gefragt, was mit Tilgner eigentlich los ist, weil seine Nahost-Berichte mir irgendwann sehr fehlten, aber dann hatte ich doch wieder vergessen, es zu ergründen, und es ist das unschätzbare Verdienst des gerade erschienenen „Medienkritik-Kompendiums“ von Jens Wernicke, mich in Sachen Tilgner und anderer auf den Stand der Dinge gebracht zu haben, und der haut einen – vorsichtig gesagt – aus den Socken.

Der Titel des Buches ist dabei viel harmloser als sein Inhalt.

Dass die Medien lügen, ist eine historische Tatsache und kein Geheimnis. Nicht einmal „umstritten“. Es hat damit zu tun, dass sie in unseren westlichen Gesellschaften überwiegend Leuten oder Konzernen gehören, die sehr gern ihre Ansichten über die Welt publiziert und verbreitet wissen wollen, zu welchem Zweck sie Journalisten beschäftigen. Solange die Medien Leuten oder Konzernen gehören, war das so und wird das so sein, wobei Medien ja nicht nur journalistische Inhalte publizieren – einen großen Teil ihrer Einnahmen beziehen sie nicht aus dem Verkauf ihrer Inhalte, sondern längst ist es so, dass man die journalistischen Inhalte inmitten der Werbeanzeigen oder –artikel kaum mehr entdecken kann und journalistische Inhalte auch gern schon mal mit PR-Botschaften „angereichert“ werden oder direkt fusionieren.

Spannend an dem Buch ist also nicht die Beantwortung der Frage „Lügen die Medien“ (na klar), sondern das, was dahinter steht: …, und wenn ja, wie tun sie das?

Darüber nun spricht Wernicke mit 24 klugen Leuten, die natürlich alle wissen, dass die Medien und die dazugehörigen Journalisten lügen. Das betrifft auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen (das weder in staatlichem noch in privatem Besitz ist, also eigentlich gute Karten für demokratischen Journalismus hätte), von dem sich die älteren unter uns noch erinnern können, dass zu Zeiten von Willy Brandt in diesem Medium zuweilen eine kostbare Meinungsvielfalt herrschte, die uns heute die Tränen in die Augen treiben könnte, wenn wir nicht unsentimental zur Kenntnis nehmen müssten, dass diese Meinungsvielfalt auch dort längst verschwunden ist. Die Monopolisierung der Welt bringt’s mit sich.

Im ersten Kapitel unterhält sich Wernicke mit Leuten aus der Branche (Walter van Rossum, David Goeßmann, Ulrich Teusch, Volker Bräutigam, Ulrich Tilgner, Stephan Hebel, Werner Rügemer sowie dem im letzten Jahr verstorbenen Eckart Spoo). Die meisten Gesprächsteilnehmer sagen gelegentlich auf die direkte Frage, ob die Medien lügen: na ja, da muss man differenzieren. Na ja, das ist etwas komplexer. Na ja, die Journalisten tun’s ja nicht mit Absicht. Na ja, so pauschal will ich das nicht behaupten. Es gibt ja auch Ausnahmen.

Ich finde diese Einschränkungen verständlich: Wenn ich noch einen Groschen in der Zunft verdienen wollte, würde ich als Zunftmitglied auch nicht direkt sagen, dass man gleich vergessen kann, was da mit welchen Methoden für die Öffentlichkeit zusammengebraut wird. Und stimmt ja: es gibt auch Ausnahmen. Tilgner, wie gesagt, fehlt mir seit Jahren, und kürzlich habe ich – nur ein völlig willkürliches Beispiel, es gibt erfreulicherweise noch mehr, allerdings nicht in den klassischen Medien – einen Vortrag von Ulrike Herrmann hier gesehen.

Aber dann kommen doch Wörter, die so sehr weit von „Lügen“ auch nicht entfernt sind, und die ziehen sich in den wunderbarsten Varianten durch das gesamte Buch:

Halbwahrheiten, Ausblendungen, Überbetonungen, Stereotypen, fehlerhafte Übersetzungen, Schlamperei, falsches Zahlenmaterial, irreführende Überschriften, schlichte Falschberichte, Zeitdruck, vorauseilender Gehorsam, Boulevardisierung, Simplifizierung, Emotionalisierung, Moralisierung, Polarisierung, Melodramatisierung, Manipulation, Visualisierung, ökonomische Zwänge, Hofberichterstattung, Propaganda, d.h. Zeigen und Ausblenden durch Erwähnen und Weglassen etc. etc. Es geht auch englisch: Wording, Framing, Storytelling, Agent-Deletion usw.

Das Schöne bei diesem Buch nun ist, dass in jedem einzelnen Gespräch über die Medienthematik die Sache nicht in Jammern und Wehklagen mündet, sondern immer eine Geschichte dranhängt, oft hängen sogar mehrere Geschichten dran (zur aberwitzigen Funktionsweise der Medien sagt jeder was, aber dann auch noch zu diversen brennenden Themen und ihrer Behandlung in den Medien, beispielsweise zur politischen Ökonomie, zur Genese von Kriegen und Krisen sowie ihrer Darstellung, zum Klimawandel, zu Sozialerosionen, Wachstumsgrenzen, geopolitischen Zusammenhängen u.v.m.), und bei den meisten dieser Geschichten sagt sich der unbewanderte Leser: Holla die Waldfee, das kann doch wohl nicht wahr sein.

Oh doch. Ist alles einwandfrei belegt und in einem Anmerkungsteil hinten sauber ausgewiesen. Die Leute in diesem Buch beherrschen ihr Handwerk.

Die beiden anschließenden Kapitel („Die Denker“, „Die Zivilgesellschaft“) fügen den Insider-Erzählungen weitere und oft wunderbar erhellende Aspekte hinzu, in den Gesprächen wird analysiert, in die Breite gedacht, in die Geschichte gegangen, in die Entwicklung des ganzen Elends, jeder macht es auf seine Weise brillant, und alle diese Gespräche fallen mehrheitlich unter meine Vorstellung von einem guten Krimi, der sich in diesem Buch allerdings häufig zum echten Thriller auswächst, wobei auch die Psycho- und vor allem die Agentengeschichten mich kalt erwischt und enorm reingezogen haben, besonders die letzteren kannte ich nicht und bin jetzt im Bilde, wie sich die „Fabrikation des Konsens“ seit Chomskys Arbeiten darüber (in den 90er Jahren, ein Vortrag ist in Wernickes Buch publiziert) verändert, privatisiert, monopolisiert, fiktionalisiert und so perfekt pervertiert hat, dass einem der Hut wegfliegt.

Und jetzt kommt ein ganz kleiner und sehr bitterer Wermutstropfen: Keiner von den 25 sehr klugen Leuten hat die geringste Ahnung, wie man diesen gigantischen Augiasstall ausgemistet kriegen könnte.

Aufklärung? Bildung? Kritik? Demokratisierung? Entprivatisierung? Medienkritische Kompetenz schon vom Kindergartenalter an?  Mir klingt das alles etwas müde, um nicht zu sagen lasch. Hat ja in den letzten Jahrzehnten im Hase-und-Igel-Spiel nicht wirklich prickelnde Erfolge gebracht.

Ich glaube, ich mag am liebsten, was David Goeßmann sagt: „Die Kräfte, die die Welt von unten verbessern wollen, brauchen Foren, auf denen sie voneinander lernen und sich austauschen können.“ Das kommt mir auch so vor.

Dass der Stall ausgemistet gehört, weiß man jedenfalls nach der Lektüre des Buches glasklar und vergisst es so schnell nicht.

Besonders diesen Satz werde ich bestimmt nicht vergessen, er ist von Sabine Schiffer: Es ist „immer wichtig, genau darauf zu achten, wer in der Berichterstattung tötet, getötet wird oder einfach umgekommen ist.“ (S. 289)

Und natürlich sollte jedes Kind einmal am Tag seine gute Tat tun und nicht glauben, was die Zeitung ihm sagt. Mindestens.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Homepage der Bestsellerautorin Birgit Vanderbeke.

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