Fremdes..., Gedichte...

Leben lernen


Von der Sonne lernen, zu wärmen
Von den Wolken lernen, leicht zu schweben
Vom Wind lernen, Anstöße zu geben
Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen
Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein

Von den Blumen das Leuchten lernen
Von den Steinen das Bleiben lernen
Von den Büschen im Frühling
Erneuerung lernen
Von den Blättern im Herbst
das Fallenlassen lernen
Vom Sturm die Leidenschaft lernen

Vom Regen lernen, sich zu verströmen
Von der Erde lernen, mütterlich zu sein
Vom Mond lernen, sich zu verändern
Von den Sternen lernen,
einer von vielen zu sein
Von den Jahreszeiten lernen,
dass das Leben immer von Neuem beginnt

(Ute Latendorf)

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Fremdes..., Gedichte...

Krank


Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken läßt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er mißachten
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiss dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank

(Erich Fried)

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Fremdes..., Gedichte...

Lob der Verzweiflung


Es ist ein verzweifeltes Tun
die Verzweiflung herunterzumachen
denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem
was es ist
Sie denkt das aus
vor dem wir Ausflüchte suchen
Sie sieht dem ins Gesicht
vor dem wir die Augen verschließen

Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie
Keiner der bessere Argumente hätte als sie
Keiner der in Erwägung all dessen
was sie und wir wissen
mehr Recht darauf hätte als sie
so zu sein wie sie ist

Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich
Erst langsam erkennt sie sich selbst
Nach den ersten Worten
die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen:
sie ist nicht froh
sie ist noch immer sie selbst

Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen
Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist
weiß sie selbst nicht
Sie kann zornig sein
sie kann bissig und ungerecht sein
sie kann zu besorgt sein um ihre eigne Würde

Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
noch weniger Würde zu finden
noch weniger Ehrlichkeit
noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht
Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen
Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln

(Erich Fried)

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Fremdes..., Gedichte...

Wie du solltest geküsset sein


Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse
Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut
deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist

(Erich Fried)

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Journalistisches...

Dann


Wenn dein Glück
kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust
noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch
deine wirkliche Sehnsucht

Auch deine Liebe
kann noch Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und dein Verstehen
kann wachsen

Aber dann will auch
deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken
werden mehr und mehr
deine Gedanken

Du bist dann wieder du
und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde
Nur dein Glück
ist kein Glück mehr

(Erich Fried)

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Fremdes..., Seelisches...

Wie verlassen wir die Gefängnisse des Inneren?


Diesen Artikel von Gisela Bergmann-Mausfeld kann ich all jenen, die einen Weg aus ihrem „inneren Gefängnis“ suchen, nur wärmstens empfehlen. Warum? Darum:

diese gefängnisse des Innern
sind schlimmer als die schlimmsten steinernen Verliese
und solange sie nicht geöffnet werden
bleibt all euer Aufruhr
nur eine Gefängnisrevolte
die niedergeschlagen wird
von bestochenen Mitgefangenen
(Peter Weiss)

Und eben auch weil:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
(Martin Buber)


„Er wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind.“
(Georg Feuser)

Laurence Heller und Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen

Laurence Heller und Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen

Gisela Bergmann-Mausfeld: Pathologische Passung, Mentalisierung und negative therapeutische Reaktion

Gisela Bergmann-Mausfeld: Pathologische Passung, Mentalisierung und negative therapeutische Reaktion

Weiterlesen: http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00451-006-0289-2.pdf

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Fremdes...

Jeder hat den Partner, den er verdient


Hans-Joachim Maaz im Gespräch mit Andreas Peglau über die unbewussten Gründe von Partnerschaftskonflikten und mögliche Auswege.

A.P.: Jeder hat den Partner, den er verdient – würden Sie diesen Satz so wie er ist unterstreichen, oder halten Sie ihn doch eher für übertrieben?

Maaz: Das ist für mich schon eine gute Methapher, weil sich da eine tiefe Wahrheit ausdrückt, die in vielen Partnerschaften zum Ausdruck kommt. Bei den Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, ist das immer so. Dieser Satz hat ja auch etwas Negatives: daß sich Menschen zusammenfinden, die etwas Belastendes, Störendes miteinander austragen – beziehungsweise gerade davon in der Beziehung festgehalten werden.

Dafür gibt es von dem Schweizer Psychotherapeuten Jürg Willi den Begriff KOLLUSION (1): Zwei Partner verbindet eine gemeinsame Grundstörung, die sie aber auf verschiedenen Polen austragen, die wie Schlüssel und Schloß zusammenpassen. Wenn also einer immer führen, dominieren muß, wählt er sich einen Partner, der gerne folgt, wenn einer verehrt werden will, wählt er sich einen Partner, der gerne zu jemandem aufschaut – und so weiter. Dieses Gefühl, zueinanderzupassen wie Topf und Deckel, macht nahezu die Verliebtheit aus, die anfängliche Faszination am Anderen.

Das muß man sich beispielsweise so vorstellen: Bei beiden Partnern wurde das Bedürfnis, so wie man ist, geliebt und anerkannt zu werden, von den Eltern nicht hinreichend befriedigt. Der eine hat nun gelernt, sich Zuwendung zu erarbeiten. Indem er ständig aktiv war, die Eltern unterhalten hat. Der andere dagegen bekam Anerkennung für seine Zurückhaltung, seinen Gehorsam, seine Pflegeleichtigkeit. Wenn sie sich jetzt als erwachsene Menschen begegnen, können sie diese Methoden, sich einen Liebesersatz zu verschaffen, erneut erfolgreich aneinander zur Anwendung bringen. Hätten andernfalls beide gelernt, aktiv sein zu müssen, gerieten sie ständig in Konkurrenz zueinander, statt sich näherzukommen. Wenn aber beide zum Passivsein erzogen wurden, versacken sie höchstens gemeinsam in Langeweile.

Aber eben auch für die „Schlüssel-Schloß-Partner“ ergibt sich nach einiger Zeit – vielleicht erst nach mehreren Jahren – ein Problem: Was sich zunächst so gut ergänzt hat, wird jetzt zur Belastung. Jeder hält den anderen in der einmal fixierten starren Rollenverteilung fest; eine individuelle Entwicklung ist nicht mehr möglich. Da aber menschliche Bedürfnisse immer von polaren Gegensätzen geprägt sind – wir wollen nicht nur führen, sondern auch geführt werden, aktiv und passiv, fleißig und faul sein und so weiter – steckt in einem so einseitig orientierten Menschen immer auch die Sehnsucht, die andere Seite auch noch zu entwickeln. Aber genau damit würde er den Partner in Konflikte bringen und die Grundlage der Partnerschaft gefährden.

A.P.: Reicht diese Erklärung auch aus, um beispielsweise zu verstehen, wenn ein ständig betrunkener Mann seine Frau immer wieder verprügelt und sie ihn trotzdem immer wieder aufnimmt, vielleicht sogar tröstet? Was würden Sie hier als verbindende Gemeinsamkeit ansehen?

Maaz: Die Gemeinsamkeit könnte ihre Sehnsucht sein, verbunden zu sein, in einer Beziehung zu leben – die aber tragischerweise nicht anders, nicht besser gelebt werden kann als durch Helfen- und Retten müssen oder durch Schlimmes-erdulden und Verzeihen-dürfen auf der einen Seite und über Sorgen-bereiten, Hilfsbedürftig- oder Unerträglich-sein auf der anderen Seite. Ich kenne eine Fülle von Beispielen dafür, daß Menschen eine solche tiefe Sehsucht nach Zuwendung haben, daß sie lieber auch Prügel annehmen – das ist wenigstens eine Form von Kontakt – als gar nichts zu bekommen. Also, ehe man völlig alleine ist, hält man lieber an einer Beziehung fest, die wenigstens Streit und Aneinander-Leiden erlaubt.

(…)

A.P.: Läßt sich das bisher Gesagte in etwa auch so auf den Punkt bringen: Zunächst austauschbare Partner treffen aufeinander – fasziniert von der jeweils anderen Störung, die so gut zur eigenen paßt. Entweder sie verharren in dieser Umklammerung – und haben dann eben „den Partner, den sie verdienen“. Oder sie arbeiten miteinander an sich selbst und an ihrer Beziehung und haben dann eben auch – aber diesmal im positiven Sinne – die Partnerschaft, die sie sich verdient, erarbeitet haben. Und dann wären sie ja wohl auch nicht mehr so einfach austauschbar füreinander.

Maaz: Das ist gut zusammengefaßt. Dann wird der Partner zu einer echten Bereicherung: ein Helfer zur Auflösung der alten Verstrickungen, ein Gegenüber als Chance für neue Erfahrungen und Möglichkeiten und ein bezogener Mensch, um sich zu finden und zu verwirklichen – die wichtigste Grundlage für individuelle und gesellschaftliche Gesundheit.

Weiterlesen: http://andreas-peglau-psychoanalyse.de/jeder-hat-den-partner-den-er-verdient/

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Fremdes...

Dr. Daniele Ganser im Gespräch: Bewusstsein schafft Lebensfreude


Wie schaffen wir als Gesellschaft den Weg aus dem Hamsterrad? Was kann jeder einzelne für sich tun, um die innere Zufriedenheit zu stärken, ohne dabei nach immer mehr Materiellem zu streben? Ist Glücksgefühl am Ende nur eine Lebenseinstellung? In diesem emotionalen Gespräch erklärt der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser seine persönlichen Methoden, die ihn zu einem zufriedenen Menschen machen und das, obwohl er sich nahezu jeden Tag mit Krieg und den daraus folgenden Konsequenzen für unseren Planeten auseinandersetzt. Das Gespräch wurde am 8. Mai im Rudolf Steiner Haus in Hamburg aufgezeichnet, dort hatte Dr. Ganser zuvor vier ausverkaufte Vorträge gehalten zum Thema „Illegale Kriege und die Verantwortung der Friedensarbeit heute“. Wie immer soll auch dieses Gespräch eine Anregung sein, die eigene Motivation zu stärken, um Potentiale zu entdecken und zu fördern, mit dem Ziel innerer Zufriedenheit. Ich freue mich auf Eure konstruktiven Kommentare.

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Fremdes..., Gedichte...

Das Lied von der Anderwelt


Es gibt einen See in der Anderwelt,
drin sind alle Tränen vereint,
die irgend jemand hätt‘ weinen sollen
und hat sie nicht geweint.

Es gibt ein Tal in der Anderwelt,
da gehen die Gelächter um,
die irgend jemand hätt‘ lachen sollen
und blieb stattdessen stumm

Es gibt ein Haus in der Anderwelt,
da wohnen wie Kinder beinand‘
Gedanken, die wir hätten denken sollen
und waren’s nicht imstand.

Und Blumen blüh’n in der Anderwelt,
die sind aus Liebe gemacht,
die wir uns hätten geben sollen
und haben’s nicht vollbracht.

Und kommen wir einst in die Anderwelt,
viel Dunkles wird sonnenklar,
denn alles wartet dort auf uns,
was hier nicht möglich war.

(Michael Ende)

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Journalistisches...

Ullrich Mies/Jens Wernicke (Hg.): „Fassademokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter“


Mit Beiträgen von Jörg Becker, Daniele Ganser, Bernd Hamm, Hans-Georg Hermann, Hannes Hofbauer, Jochen Krautz, Mike Lofgren, Rainer Mausfeld, Hermann Ploppa, Jürgen Rose, Werner Rügemer, Rainer Rupp, Rainer Seidel, Andreas Wehr, Wolf Wetzel und Ernst Wolff.

Immer sichtbarer wird für Beobachter des Zeitgeschehens die schleichende Transformation parlamentarischer Demokratien in Richtung autoritärer Systeme. Organisationen, die sich ausschließlich Kapitalinteressen verpflichtet fühlen, schaffen suprastaatliche Strukturen, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen. Vom Volk gewählte politische Repräsentanten sehen sich zu Handlangern der ökonomisch Mächtigen degradiert, viele von ihnen vollziehen den Schulterschluss mit ihnen.

Politik im bürgerlichen Staat war zwar schon immer interessengeleitet, neu an der aktuellen Situation ist aber die Tatsache, dass sich die Einflussnahme der Global Player nicht mehr auf die Lobby – die Vorhalle – politischer Ins­titutionen beschränkt, sondern dass Budget-, Finanz-, Sozial- und Umweltpolitik zunehmend auf Konzernrechnern konzipiert und dann nur mehr den einzelnen nationalen Parlamenten zum Absegnen vorgelegt werden.

„Das Ende der Demokratie … wie wir sie kennen“ übertitelte der 2015 verstorbene Soziologe Bernd Hamm seinen Beitrag und gab damit den Anstoß für dieses Buch. Die hier versammelten Autoren analysieren seinen Befund aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gemeinsam teilen sie die Überzeugung, dass sich die liberalen Demokratien, wie sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet haben, im Niedergang befinden. Ihr aktueller Status ist mit dem Begriff der „Fassadendemokratie“ passend beschrieben.

Während der aus immer weniger voneinander unterscheidbaren Parteien bestehende Parlamentarismus ein Schauspiel für die Öffentlichkeit abgibt, liegt die reale Macht dahinter im sogenannten „Tiefen Staat“. Dieser Tiefe Staat als Werkzeug der ökonomisch Mächtigen ist mit exekutiven und legislativen Diensten verflochten, deren Personal sich in transatlantischen Think-Tanks versammelt. Kapitalkräftige Medienkonzerne kommunizieren dort Beschlossenes als angeblich alternativlos. Wirtschaftliche und militärische Logik dominieren. Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, scheint besiegelt.

ISBN 978-3-85371-425-6, br., ca. 240 Seiten, ca. 19,90 Euro

Die Herausgeber

Ullrich Mies, geboren 1951, studierte Internationale Politik in Duisburg und Kingston/Jamaika und lebt als Unternehmer und Aktivist in den Niederlanden.

Jens Wernicke, geboren 1977, ist diplomierter Kulturwissenschaftler, arbeitet als Journalist u.a. für das Institut für Medienverantwortung und ist leitender Redakteur bei „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“.

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Journalistisches...

Jens Wernicke: „Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung“


Die etablierten Medien stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise. Immer weniger Bürger vertrauen ihnen, insbesondere die Leitmedien stehen unter scharfer Kritik. Und selbst Politiker konstatieren inzwischen eine „erstaunliche Homogenität“ (Frank-Walter Steinmeier) und mangelnde Vielfalt der veröffentlichten Meinungen. Wie konnte es dazu kommen, was sind die Krisenursachen und was ist zu tun? Jens Wernicke hat mit über zwanzig Medienexperten über die verschiedenen Facetten der Vertrauenskrise gesprochen und sucht nach Lösungen und Auswegen. Das Resultat ist ein unverzichtbares Kompendium der Medienkritik.

Verlag: Westend; Auflage: 1 (1. August 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3864891884
ISBN-13: 978-3864891885

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