Journalistisches...

Die griechische Katastrophe


Stellen Sie sich vor, Sie sind ein griechisches Kind in Athen, wurden von einem Auto angefahren und benötigen dringend medizinische Hilfe. Ihre Mutter ist wie drei Millionen andere Griechen jedoch nicht mehr im Besitz einer Krankenversicherung. Sie kann sich die Police nicht mehr leisten. Jetzt einen Krankenwagen zu rufen ist außerdem längst zum Glücksspiel verkommen, denn ein Großteil der diesbezüglichen Infrastruktur wurde aus Kostengründen stillgelegt. Aber auch wenn es Ihre Mutter mit Ihnen in ein Klinikum schaffen würde, müsste sie Wartezeiten von bis zu zwölf Stunden in Kauf nehmen und würde erst dann behandelt, wenn sie das Geld für die Not-Operation vorab in bar bezahlen kann. In dieser Situation sterben jeden Tag Menschen in Griechenland, während die Troika dem Land unlängst noch weitergehenden Sozialkahlschlag aufgezwungen hat. Jens Wernicke sprach hierzu mit Prof. Athanassios Giannis von den Universitäten Leipzig und Patras, der zurzeit in Griechenland weilt.

Weiterlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45553/1.html
Alternative Version: http://www.rtdeutsch.com/27097/international/die-griechische-tragoedie-alexis-tspiras-hat-sich-nie-fuer-alternativen-interessiert/
Alternative Version: http://www.neues-deutschland.de/artikel/979584.das-ist-ein-akt-des-zynismus.html

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Journalistisches...

„Die Investoren nehmen das öffentliche Schulwesen ins Visier“


Wenn nun schon die Hochschulrektorenkonferenz, der wir den neoliberalen Umbau der Hochschulen der letzten Jahre verdanken, angesichts von TTIP warnt: „Bildung ist keine Ware“, wird klar, wie übel die Gesellschaftsprognose für die nächsten Jahre aussieht. Bei allem Wirbel um TTIP und Co. darf jedoch nicht in Vergessenheit geraten, dass die öffentliche Bildung schon seit langer Zeit unter Privatisierungsdruck steht – auch ganz ohne TTIP, was diese Entwicklung jedoch weiter forciert. Jens Wernicke sprach hierzu mit Matthias Holland-Letz, dem Autor der „Privatisierungsreporte“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26958

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Journalistisches...

„Griechische Mythen und ein Dilemma, das keines ist“


Der Künstler und Historiker Prinz Chaos II. war auf Griechenland-Reise. Ein Gespräch über „neue griechische Mythen“ und die EU als „Völkerknast“.

Vor einigen Tagen stimmte der Bundestag gegen die Stimmen der Linken für ein weiteres „Hilfsprogramm“ für Griechenland. Allerdings ist die Haltung einiger Bundestagslinker hierzu reichlich verwirrend. Denn sie hätten, so sagen etwa Gregor Gysi und Katja Kipping, in Griechenland selbst schweren Herzens mit „Ja“ für ein Paket gestimmt, das sie voll und ganz ablehnen. Jens Wernicke sprach mit dem Kabarettisten und Liedermacher Prinz Chaos II., der sich in Griechenland selbst ein Bild gemacht hat und nun einigen Mythen in der deutschen Debatte entschieden widerspricht. So habe es beispielsweise sehr wohl einen Plan B gegeben, der Syriza aus dem Dilemma, dem sie schließlich erlag, hätte befreien können.

Weiterlesen: http://le-bohemien.net/2015/07/23/prinz-chaos-griechenland-tsipras-eu/
Alternative Version: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45523/1.html
Alternative Version: http://www.rtdeutsch.com/27097/headline/die-griechische-tragoedie-alexis-tspiras-hat-sich-nie-fuer-alternativen-interessiert/

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Von „faulen Griechen“ und „fleißigen Deutschen“


Was steckt eigentlich hinter dem Denken vom „Wir“ und „den Anderen“, das aktuell unter anderem in der Rede von „faulen Griechen“ und „fleißigen Deutschen“ kumuliert? Eine Art „fiktiver Kollektividentität“, die stets anfällig für Feindbildprojektionen ist, meint der Soziologe und Publizist Rainer Schreiber im Gespräch mit Jens Wernicke.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26897

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Mobbing, Sabotage, Kündigung: Arbeitnehmervertreter im Visier


Die professionelle Bekämpfung von Arbeitnehmervertretungen, das so genannte Union Busting, hat aktuell Hochkonjunktur; weswegen sich am 20. Juli auch die ARD des Themas annimmt. Längst steht dabei die Frage im Raum, warum Staatsanwaltschaften und Gesetzgeber nichts unternehmen, um Betriebsratsgremien und deren Mitglieder vor gezielten Rechtsbrüchen zu schützen. Oder sind illegale Handlungen von Unternehmern gegen Beschäftigte in Deutschland etwa bloß Kavaliersdelikte? Zu diesen Fragen sprach Jens Wernicke mit dem Autor und Publizisten Elmar Wigand vom Verein „aktion ./. arbeitsunrecht – Initiative für Demokratie in Wirtschaft & Betrieb“.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26829

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"Wortmeldungen", Journalistisches...

„Wortmeldung“: Susann Witt-Stahl zur Transformation des Antifaschismus


Was meint eigentlich Antifaschismus heute? Das Verprügeln von Nazis? Die Bombardierung des Kosovo wegen Kriegslügen, die dort Konzentrationslager ausmachen? Beides nicht, meint die Publizistin Susann Witt-Stahl im Interview mit Jens Wernicke. Leider jedoch würde auch der Antifaschismus im Land immer mehr »neoliberalisiert«, was immer krudere Blüten treibe.

Weiterlesen: http://www.neues-deutschland.de/artikel/978120.antifaschismus.html

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Fremdes..., Seelisches...

Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können


„Mama P. war eine große, kraftvolle Frau. Sie bewegte sich mit Zuversicht und Stärke. Sie trug ein weites Hawaiihemd in prächtigen Farben und ein Tuch um den Hals. Sie war wegen einem ihrer Pflegekinder zu einer ärztlichen Beratung gekommen. Es ging um den siebenjährigen Robert, der drei Jahre zuvor aus der Obhut seiner Mutter entfernt worden war. Sie war Prostituierte und während des gesamten Lebens ihres Sohnes kokain- und alkoholabhängig gewesen. Sie hatte den Jungen vernachlässigt und geschlagen. Er hatte miterlebt, wie seine Mutter von Freiern und Zuhältern geschlagen wurde, und wurde auch selbst von ihren Partnern terrorisiert und missbraucht. (….)
‚Was können Sie also tun, um meinem Baby zu helfen?‘, fragte sie. Dieser Satz fiel mir auf. Wieso nannte sie dieses siebenjährige Kind Baby? Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.
Ich empfahl Clonidin, das Medikament, das ich bei Sandy und bei den Jungen im Zentrum angewandt hatte. Sie unterbrauch mich leise, aber bestimmt: ‚Sie werden meinem Baby keine Medikamente geben.‘ (…)
Und dann ergab ich mich. ‚Mama P., wie helfen Sie ihm?‘, fragte ich. Weshalb hatte sie keine Probleme mit seinen ‚Wutanfällen‘, derentwegen er von früheren Pflegestellen und Schulen verwiesen worden war?
‚Ich halte ihn nur und schaukle ihn. Ich liebe ihn einfach. Wenn er nachts verängstigt aufwacht und durchs Haus läuft, lege ich ihn neben mich ins Bett, reibe ihm den Rücken und singe ein wenig, dann schläft er wieder ein.‘ Jetzt warf mir der Kollege verstohlene Blicke zu, deutlich beunruhigt: Siebenjährige sollten nicht in einem Bett mit ihren Betreuungspersonen schlafen. Aber ich war neugierig geworden und hörte weiter zu.
‚Was scheint ihn tagsüber zu beruhigen, wenn er sich aufregt?“, fragte ich.
‚Dasselbe. Ich lasse einfach alles stehen und halte ihn und schaukele ihn im Sessel. Dauert nicht so lange, armes Ding.‘
Als sie das sagte, erinnerte ich mich an ein wiederkehrendes Muster in Roberts Akte. In allen Aufzeichnungen über ihn, einschließlich denjenigen, die zuletzt von der Schule weitergeleitet worden waren, berichteten aufgebrachte Mitarbeiter von ihrer Frustration über sein Zuwiderhandeln und sein unreifes, ‚babyhaftes‘ Verhalten und beschwerten sich über seine Bedürftigkeit und Anhänglichkeit. Ich fragte Mama P.: ‚Werden Sie nie frustriert und wütend, wenn er sich so benimmt?‘
‚Werden Sie ungehalten mit einem Baby, wenn ein Baby Theater macht?‘, fragte sie. ‚Werden Sie nicht. Es ist das, was Babys tun. Babys geben ihr Bestes und wir verzeihen ihnen immer, wenn sie sich bekleckern, wenn sie schreien, wenn sie uns vollspucken.‘“

Aus: Bruce D. Perry: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde: Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können, Seite 123 ff.

„Als Mama P. die traumatisierten und vernachlässigten Kinder schaukelte und hielt, die in ihrer Obhut waren, hatte sie intuitiv das getan, was zur Grundlage unserer neurosequentiellen Methode wurde: Diese Kinder brauchen musterartige, sich wiederholende Erfahrungen, die ihren Entwicklungsbedürfnissen angemessen sind; Bedürfnisse, die das Alter widerspiegeln, in dem sie wichtige Reize entbehrt haben oder traumatisiert worden sind, nicht ihr aktuelles, chronologisches Alter. Wenn sie in einem Schaukelstuhl saß und mit einem Siebenjährigen kuschelte, schenkte sie ihm die Berührung und den Rhythmus, den er als Säugling vermisst hatte – eine Erfahrung, die für die angemessene Entwicklung des Gehirns erforderlich ist. Es ist ein grundlegendes Prinzip der Hirnentwicklung, dass neuronale Systeme sich aufeinander folgend organisieren und funktionsfähig werden. Überdies baut die Organisation von weniger reifen Regionen teilweise auf ankommenden Signalen auf tiefer gelegenen, reiferen Regionen auf. Wenn ein System nicht zum richtigen Zeitpunkt bekommt, was es braucht, funktionieren möglicherweise auch die von ihm abhängigen Systeme nicht gut. Das gilt auch dann, wenn die Reize, die die sich später entwickelnden Systeme brauchen, tatsächlich in angemessener Weise angeboten werden. Der Schlüssel zu gesunder Entwicklung liegt darin, die richtigen Erfahrungen in der richtigen Menge zur richtigen Zeit machen zu können.“

Aus: ebd., Seite 178

„Wenn ein Kind ein starkes und unterstützendes Umfeld hat, ist es besonders wichtig, mit den kindlichen Bewältigungsmechanismen achtsam umzugehen. In einer Studie, die wir Mitte der 90er Jahre durchgeführt haben, fanden wir heraus, dass Kinder mit unterstützenden Familien, die für die Bearbeitung eines Traumas zur Therapie geschickt wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln als diejenigen, deren Eltern angewiesen wurden, mit den Kindern nur dann zur Therapie zu kommen, wenn sie spezielle Symptome beobachten. Die wöchentliche Therapiesitzung, in der die Kinder sich auf ihre Symptome konzentrierten, trug eher zu einer Verschlimmerung bei als zu ihrer Auflösung. Die Kinder dachten regelmäßig in den Tagen vor ihrer Therapiesitzung über ihr Trauma nach; jede Woche mussten die Kinder die Schule oder außerschulische Aktivitäten verlassen, um in die Klinik zur Therapie zu fahren. In manchen Fällen wurden sich Kinder ihrer normalen Stress-Reaktionen überbewusst und beobachteten jeden Pieps gang genau, damit sie etwas hatten, das sie dem Therapeuten erzählen konnten. Das brachte ihr Leben durcheinander und vergrößerte ihre Not eher, als sie zu verringern. Interessanterweise war eine Therapie jedoch hilfreich, wenn das Kind kein starkes soziales Netz hatte. Sie bot ihm wahrscheinlich die Möglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen, die es sonst nicht hatte. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse von Menschen variieren und dass niemand dazu gedrängt werden sollte, ein Trauma zu bearbeiten, wenn er es nicht möchte. (…) So haben zum Beispiel manche Studien gezeigt, dass eine Depression sich verschlimmern kann, wenn man über vergangene negative Erlebnisse nachgrübelt. Aufgrund der Arbeitsweise des Gedächtnisses kann dieses Sinnieren auch dazu führen, dass man alte, mehrdeutigen Erinnerungen in einem neuen Licht abruft, das mit der Zeit dunkler und dunkler wird, bis sich darin schließlich ein Trauma zeigt, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat.“

Aus: ebd., Seite 210 ff.

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Journalistisches...

Unser täglich Gift


Durch die Ausklärungsarbeit der – inzwischen selbst zur Milliardenindustrie gewordenen und daher für Betrug zunehmend selbst auch anfälligen – Bio-Branche, aber auch durch Dokumentarfilme wie „We feed the world“, „Unser täglich Brot“ und „Food Inc. – Was essen wir wirklich?“ sowie Büchern wie „Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt“ und „Die Essensfälscher: Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen“ sind die Themen Ernährungssicherheit, Manipulation und Betrug durch die Nahrungsmittelindustrie und nicht zuletzt auch Gesundheitsschäden durch Nahrungsmittel in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Bisher kaum thematisiert wurden hierbei jedoch die schädlichen Auswirkungen, die Pestizide auf unser aller Gesundheit haben. Jens Wernicke sprach hierzu mit der taz-Mitbegründein Ute Scheub, die sich in der Kampagne „Ackergifte? Nein, danke!“ engagiert.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26726

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Feindbild Islam


Auch in diesem Jahr rief der Rat muslimischer Studierender & Akademiker zum 1. Juli wieder zum bundesweiten „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ auf. Wie heikel und wichtig dieses Thema ist, zeigt dabei nicht nur die sozialeugenische Argumentation eines Thilo Sarrazin und die unter anderem von PEGIDA hervorgebrachte Warnung vor einer vermeintlichen „Islamisierung“ des Abendlandes. Die Wichtigkeit des Kampfes gegen diese Rassismus-Variante wird vor allem dadurch deutlich, dass der Mord an der Apothekerin Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 bis heute weder angemessen Beachtung findet noch bezüglich seiner strukturellen Ursachen wirklich aufgearbeitet ist. Jens Wernicke sprach hierzu mit Sabine Schiffer, die als Leiterin des Erlanger Instituts für Medienverantwortung seit Langem zum antimuslimischen Rassismus forscht und publiziert.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26658
Alternative Version: http://www.studis-online.de/HoPo/art-1851-feindbild_islam.php

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Die globale Ordnung zerbricht


Warum schreitet die ökologische Zerstörung des Planeten trotz unzähliger Klimagipfel ungebremst voran? Warum hungern mehr Menschen als je zuvor auf der Erde, obwohl noch nie so ungeheure Reichtümer angehäuft wurden wie heute? Warum erweisen sich die globalen Eliten als unfähig, die Richtung zu ändern, obwohl ihr Kurs in einen planetaren Crash führt? Antworten auf diese Fragen liefert der Berliner Autor und Journalist Fabian Scheidler in seinem soeben erschienenen Buch, in dem er die Wurzeln jener Zerstörungskräfte freilegt, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. Jens Wernicke sprach mit ihm über das „Ende der Megamaschine“ und über Möglichkeiten, gemeinsam einen Ausgang aus der gefühlten Ohnmacht zu finden.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=26641

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Geschichten...

En garde!


Der Clown wurde verhaftet und in Handschellen abgeführt. Wahrscheinlich würde er in der Psychiatrie landen.
Es kam in letzter Zeit häufiger vor, dass Künstler verschiedener Sparten für öffentliches Aufsehen sorgten, da sie sich auf vollkommen unangemessene und offenbar psychotische Art und Weise in konkrete gesellschaftliche Problemlagen einmischten.
Dieser Clown hier war verhaftet worden, weil er versucht hatte, eine Gruppe Jugendlicher aufzuhalten, die in der Berliner U-Bahn ein Großmütterchen, das sie wegen deren Kopftuch irrtümlicherweise für eine Muslima hielten, fast totschlugen. Mit gezücktem Bleistift und Blume im Knopfloch war er ihnen entgegengetreten und hatte „En garde!“ gerufen.
Selbstredend war es nicht okay, wenn Jugendliche, was leider immer häufiger vorkam, Andersgläubige verprügelten. Und noch weniger okay war es, wenn sie dies mit Ähnlichgäubigen taten. Ganz und gar unokay war es jedoch, seine psychotischen Schübe ausgerechnet in derlei ernsten Momenten ausleben zu müssen.
Das Großmütterchen lag inzwischen wohl auf der Intensivstation. Die Jugendlichen waren auf der Flucht. Der Clown kam in Haft. Und die Passanten, die alles aufmerksam beobachtet hatten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, fühlten sich endlich wieder sicher. „So viel Unmenschlichkeit heutzutage auf dieser Welt“, sagte einer. „Die Menschen werden ja auch immer verrückter.“ Und meinte damit den Clown.

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Fremdes...

Wider den Gehorsam


Der Gehorsam ist aufs Tiefste in dem Prozess verwurzelt, der zur Entfremdung des Eigenen führt und dessen Kern die Unmöglichkeit bildet, die Eltern so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind.
Dieses Problem äußert sich nicht nur im Verhältnis zu Mutter und Vater. Wir bilden uns heute viel darauf ein, rational zu sein. Tatsache ist jedoch, dass alltägliche Verleugnungen ’normaler‘ Bestandteil unserer Kultur sind. Der Wahrheit ins Auge zu blicken, fällt uns schwer. Wir sind gefangen in der Angst, zu sehen, was wirklich ist. Um dies zu erkennen, brauchen wir eine ganz andere Art von Psychopathologie als die heute übliche. Wir stufen diejenigen Menschen als normal ein, die sich einer allgemeinen Verleugnung anpassen und so in unserer Kultur erfolgreich operieren.
Zwei Forschungsprojekte, die sich dem Thema der Autonomieentwicklung widmen, zeigen ebenfalls, dass die Weichen zum Menschlichsein oder zur Entfremdung schon früh gestellt werden. Helen Bluvol und Ann Roskam führten Studien (…) an einem amerikanischen Gymnasium durch. Sie untersuchten zwei Gruppen von Schülern – eine, die äußerst erfolgreich war, sich gehorsam an Ambitionen der Eltern anpasste, und eine andere Gruppe, deren Leistung zwar als genügend eingestuft wurde, die sich aber nicht sonderlich für Erfolge interessierte und keinem Druck ausgesetzt war, den Erwartungen der Eltern zu entsprechen, also gehorsam zu sein. Die erste Gruppe zeichnete sich durch ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung aus. Diese Schüler reagierten mit Angst, wenn sie den Eindruck hatten, von gängigen Verhaltensnormen abzuweichen. Diese Gruppe war auch unfähig, die Eltern als eigenständige, differenzierte Menschen wahrzunehmen. Diese Schüler neigten dazu, ihre Eltern, aber auch Autoritätspersonen wie ihre Lehrer zu idealisieren. Die Gruppe der wenig erfolgsorientierten Schüler dagegen beschrieb die Eltern als reale Persönlichkeiten mit guten und schlechten Seiten. Idealisierungen waren ihnen fremd.
Die erfolgsorientierten Schüler, die ihre Eltern verklärten, tendierten vehement dazu, ihre Mitschüler zu Unterlegenen zu machen. Nur dann empfanden sie sich als ‚autonom‘. Hier sehen wir die Auswirkungen des Gehorsams. Die Gruppe, die sich im Hinblick auf Erfolg und allgemeines ‚Wohlverhalten‘ den allgemein anerkannten Normen unterordnete und somit am stärksten im System elterlich-autoritärer Erwartungen gefangen war, fühlte sich unabhängig – und zwar dann, wenn sie andere schlechtmachen und herabsetzen konnte. Viele erleben also das Gefühl von Freiheit und Autonomie, wenn sie das Fremde im Anderen und damit unbewusst in sich selbst bestrafen.

Aus: Arno Gruen: Wider den Gehorsam

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„Philosemitismus ist keine Antwort auf die Probleme in Nahost“


Eine soeben unter dem Titel „Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee. Eine Spurensuche“ veröffentlichte Untersuchung des inzwischen emeritierten Professors für Psychologische Methodenlehre und Friedensforschung, Wilhelm Kempf, geht der Frage nach Erscheinungsformen und Ausprägungen des Antisemitismus im Lande nach – und kommt zu überraschenden Ergebnissen. Jens Wernicke sprach hierzu mit Rolf Verleger, der Kempfs von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütztes Projekt als wissenschaftlicher Berater begleitet hat.

Weiterlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45281/1.html

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"Wortmeldungen", Journalistisches...

„Wortmeldung“: Werner Ruf zum „Verteidigungsbündnis“ NATO


Der Politikwissenschaftler Werner Ruf im Gespräch mit Jens Wernicke über ein nominelles Verteidigungsbündnis, das tatsächlich ein Kriegspakt ist.

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