Fremdes...

Anpassung als Sucht


Von Arno Gruen

Jakob Wassermann schrieb einmal: „Ich meine nämlich, Gut und Böse entscheiden sich nicht im Verkehr der Menschen untereinander, sondern ausschließlich im Umgang des Menschen mit sich selbst“ (Wassermann 1985).

Um diesen Umgang mit sich selbst zustande zu bringen, muß ein Mensch sich selber stellen können. Hierfür braucht es eine Kraft, die aus dem Zugang zu den eigenen Gefühlen, Wahrnehmungen und Bedürfnissen herauswächst. Unsere Gesellschaft jedoch stellt ein kulturelles Gefüge dar, das den Menschen von seinen eigentlichen Gefühlen, seiner inneren Welt abtrennt, wegtreibt und darauf besteht, daß seine Wahrnehmungen und seine Ich-Bezogenheit auf Werten basieren, die des Menschen Verletzbarkeit und seine Unsicherheit verleugnen. Die Süchte rings um uns sind Ausdruck des Scheiterns dieser Ideologie des Seins, welche glaubt, daß Macht, Herrschen und Besitzen der Sinn des Lebens sein muß. Damit verwirft sie die Furcht eines Jeden vor seiner Unzulänglichkeit, verstärkt diese aber gleichzeitig. Das Resultat ist eine allgemeine Selbstschwäche, die aber nicht konfrontiert werden darf.

Dies ist der Hintergrund jeglicher Sucht. Ohne dieses Umfeld würde es keine Süchtigen geben. Walther Lechler schrieb: „Der Süchtige ist lediglich der Rauch, der zeigt, daß irgendwo ein Feuer brennt. Meistens bemühen wir uns und begnügen uns, den Rauch zum Verschwinden zu bringen, aber nicht das Feuer, das ihn verursacht“ (Lechler 1983). Und so schlagen wir Alarm um die, die die Gesellschaft als süchtig einstuft, um die eigene Sucht nicht erkennen zu brauchen. Indem wir auf jene weisen, die an der Nadel oder am Alkohol hängen, lenken wir von unseren eigenen, aber gesellschaftlich gebilligten Süchten ab.

Suchtforscher wie Krystal u. Raskin (1983) haben den emotionalen Haushalt der Süchtigen als eine Verarmung ihrer Selbstrepräsentation bezeichnet. „Das Selbst“, schreiben sie, „wird als sehr schwach, hilflos oder wertlos erlebt“. „Die Suchterfahrung“, schreibt ein anderer Forscher, Scherhorn (Scherhorn et al. 1990), „ist deshalb so attraktiv, weil sie das schmerzliche Gefühl der Selbstschwäche vergessen macht. Dies wird besser verständlich, wenn man sich klar macht, daß die Bestätigung zugleich auch eine Abschirmung ist … Abschirmung bedeutet, daß der Süchtige das Suchtobjekt dazu benutzt, sein Bewußtsein ganz zu dispensieren oder es partiell für Sinneseindrücke unempfänglich zu machen, die ihm die eigene Schwäche vor Augen führen würde.“

Suchtverhalten kreist also um ein Gefühl der Selbstschwäche, der man sich nicht stellen kann. Aber wieviele unter uns können sich der eigenen Schwäche stellen? Wer ist gewillt, sich selber ins Gesicht zu schauen? Sind wir nicht täglich damit beschäftigt, uns und anderen zu beweisen, daß wir nicht schwach, verletzlich und hilflos sind? Sind nicht Kriege, Gewalttätigkeiten, Haß auf andere der tägliche Inhalt eines Verhaltens, dem die Angst vor einer nie ganz eingestandenen Schwäche zugrunde liegt?

Schwäche, die nicht konfrontiert werden kann, ist ein Krebs, der aus dem Gefüge einer Selbstideologie empor steigt, die der Macht und nicht der Liebe gewidmet ist. Unsere Alpträume (und wer kann schon sagen, daß er sie nie erlebt hat?), die Freud als Kastrationsängste interpretierte, widerspiegeln einen breit angelegten Vorgang, der in den gesellschaftlichen Zwängen, uns als erfolgreich zu sehen, verankert ist: Um erfolgreich zu sein, müssen wir von klein an lernen, vom Versagen zu träumen. Was zählt in unserer Kultur, ist nicht, im Gefühl des Lebendigen zu sein, sondern wie wir den Erfolg erreichen. Danach werden wir gemessen und messen uns selber. Erfolg ist der Maßstab, nicht die Fähigkeit zu lachen, zu spielen oder zärtlich zu sein.

Dieser Erfolg aber gründet auf dem Versagen eines anderen Menschen. Er beinhaltet Gewalt. Diese Lektion fängt im Elternhaus an, wird in der Schule verstärkt, so daß wir schon lange vor dem Erwachsensein von dem internalisierten Alptraum gekennzeichnet sind: Wir träumen von der Angst des anderen, die unsere eigene ist. Sogar, wenn wir auf dem Höhepunkt des Erfolges sind, träumen wir von der Angst des Versagens. Das eben ist das Problem: Um ein Selbst auf diesen, den Werten der Gesellschaft entsprechenden Wegen aufzubauen, müssen wir uns maskieren. Wir müssen verneinen, daß das, was wir wirklich tun, ist: einem anderen Wesen Schmerzen zuzufügen. Es ist, wie Vaclav Havel es in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ darstellt (Havel 1989): „Ideologie als scheinbare Art der Sichbeziehung zur Welt bietet dem Menschen die Illusion, er sei eine mit sich identische, würdige und sittliche Persönlichkeit womit es ihm möglich wird, alles dies nicht zu sein“.

Sich auf diese Weise zu betrügen, macht es aber unmöglich, gerade den Selbstwert aufzubauen, der einen Menschen in sich ruhen läßt, indem Verletzlichkeit und Hilflosigkeit zum Ausgangspunkt des Seins werden können.

(…)

Die Schlußfolgerung drängt sich auf, daß in unserer Gesellschaft die wirklich Schwachen nicht diejenigen sind, die leiden, sondern jene, die vor dem Leid Angst haben. Die Menschen, die am erfolgreichsten angepaßt sind, sind die eigentlich Schwachen. Darum propagieren sie seit Jahrtausenden den Mythos, daß Empfindsamkeit Schwäche sei. Sie sind es, die allem Schmerz und Leiden durch Spaltung ihres Bewußtseins zu entkommen suchen. Sie sind die eigentlichen Träger einer verzerrten Realität, das heißt der Ideologie der Macht und des Herrschens.

(…)

Der österreichische Dichter Peter Turrini (1986) beschrieb diesen hintergründigen allgemeinen Zustand der Schwäche so:

Ist diese Müdigkeit,
die mich plötzlich überfällt,
der Mantel über alle Tränen
meiner Kindheit?

Ist diese Gleichgültigkeit,
die ich spüre,
wenn andere leiden,
die Angst, zu ihnen zu gehören?

Ich halte mich
mit aller Gewalt
gegen mich selbst
aufrecht.

Als Jugendlicher
stemmte ich manchmal
einen Sessel
mit den Zähnen hoch,
in der Hoffnung,
daß meine Schwächen
von soviel Stärke
widerlegt werden.

Heute stemme ich
mangels guter Zähne
keine Sessel mehr.
Die Art aber,
Stärke zu zeigen,
damit die Schwäche
übersehen wird,
ist geblieben.

Wie lange noch
werde ich alles hinunterschlucken
und so tun,
als sei nichts gewesen?

Wie lange noch
werde ich auf alle eingehen
und mich selbst
mit freundlicher Miene
vergessen?

Wie lange
kann ein Mensch
sich selbst nicht lieben?

Es ist so schwer
die Wahrheit zu sagen,
wenn man gelernt hat,
mit der Freundlichkeit
zu überleben.

Weiterlesen:
http://www.lptw.de/archiv/lintext/LindText1994.pdf

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