Geschichten..., Seelisches...

Fragmente


oder: Was ist Leben?

Ich war am Grab meines Vaters. Habe Abschied genommen. Habe endlich Abschied genommen. Über zwanzig Jahre hat es gedauert, dass es endlich ging. Und nun war es an der Zeit. An der Zeit, sich von mehr oder minder dem einzigen Menschen zu verabschieden, der mir in jungen Jahren Halt und Licht gewesen ist. Und der dann plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Einfach so. Und über Nacht. Der mich, ohne es zu wollen, haltlos und im Dunkeln zurückließ. Viel zu jung. Und viel zu früh. Nun habe ich ihm auf Wiedersehen gesagt. Und auch, wie sehr ich ihn liebte. Ich habe lange Zeit gar nichts mehr gefühlt. Viel zu groß war der Schock. Und ich habe es mir lange nicht verziehen, dass ich dies nicht schon zu Lebzeiten tat: Ihm sagen, wie viel er mir bedeutete und stets bedeutet hat. Das habe ich nun nachgeholt. Und ich habe ihm versprochen, dass ich diesen „Fehler“ nie wieder begehen werde. Fortan will ich sagen, was immer auch zu sagen ist. Weil Leben nur Hier und Heute stattfindet und es ein Morgen eben vielleicht gar nicht mehr gibt. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Doch wir können lernen aus ihr. Wir können kein anderer sein. Doch täglich aufs Neue wirklich der, der wir sind. Wir können nichts Äußeres wirklich halten und lange bewahren. Aber wir können das, was uns Licht am anderen war, zu einem Teil unseres eigenen Lichtes machen und so das Vergangene lebendig halten: als liebevolle Erinnerung und lebendigen Teil von uns selbst.

Ich schließe mit meiner Mutter Frieden. Ein Großteil der Kindheit bestand aus Hass und Angst. Und dennoch schließe ich mit meiner Mutter gerade Frieden und komme zur Ruhe. Das ich dies täglich ein weiteres Stück mehr vermag, dafür gibt es vor allem drei Gründe. Der erste Grund ist jener, dass ich im Keller meiner Seele meine eigene Angst und Not und Ohnmacht und Endlichkeit entdeckt habe. Seitdem weiß und verstehe ich, wie es ist, wider jedes bessere Wissen hilf- und wehrlos zu sein. Einfach nicht aus seiner Haut zu können. Und ich ahne, wie es ist, lieben zu wollen, aber nichts geben zu können, das man selbst nie erfahren hat. Der zweite Grund ist jener, dass mir ein Mensch begegnet ist, der einfach nur das Gegenteil der Mutter meiner Kindheit ist: Eine Frau, die einfach nur ein Haufen Liebe, Wertschätzung und Zärtlichkeit auf zwei Beinen ist. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Menschen, die andere bedingungslos so annehmen, wie diese sind. Menschen, die in der Lage sind, wirklich zu lieben. Menschen, die andere stets ermutigen statt zu bestrafen oder ihnen zu drohen. Und der dritte Grund ist jener, dass ich einen Menschen, den ich einst liebte, gerade dabei begleite, Elter zu werden. Und dass ich dabei erfahre, dass diese Person alles für ihr Kind tun würde. Vielleicht sogar den rechten Arm hergeben. Das, was wirklich notwendig ist, um dem Kind wirklich Halt und Geborgenheit zu geben, aber gar nicht zu tun vermag. Denn, ich sagte es bereits: Wer kann schon aus seiner Haut? Wer soll, wenn er noch mit seinen Dämonen kämpft, sehen können, dass es seine eigenen Kämpfe sind, die die Ruhe nicht erst aufkommen lassen und den Frieden und somit die Liebe vertreiben? Wer, der sein Leben lang nur geliebt wurde, wenn er „leistete“, könnte, egal, aus welchem Grunde, von einem Tag auf den anderen einfach ein anderer oder eine andere sein – nur „aus Liebe zum eigenen Kind“? Niemand vermag dies, denn wir alle sehen sooft und oft auch viel zu lange im Leben, doch den Wald vor lauter Bäumen nicht. Übersehen uns selbst und leiden dann an der Welt, die uns vermeintlich übersieht. Ja, der dritte Grund, warum ich mit meiner Mutter allmählich meinen Frieden finde, ist jener, dass ich eine gute, eine kluge, eine besondere Frau gerade dabei beobachten darf, wie sie ihrem Kind alles gibt, was sie hat. Wie dies aber nicht ausreicht und ausreichen kann und ausreichen wird, weil es schlichtweg zu wenig für eine zarte Seele ist. Und wie all das dennoch Liebe und das im Moment „Bestmögliche“ ist. Weil mehr zu geben ihr im Moment schlicht unmöglich ist. Und weil sie selbst nie genug erhalten hat. Ja, diese Frau, die mir so große Angst bereitet hat in meinem jungen Jahren: Auch sie hat mich geliebt. Sie war nur niemals Herrin im eigenen Haus. War niemals an dem Ort, an dem man der eigenen Angst und Not und Ohnmacht und Endlichkeit ins Antlitz blickt und hinter diesen schließlich sich selbst zu erkennen und hiernach zu heilen vermag. Und hat daher aus einem fast leeren Silo das wenige ausgeteilt, was einzig es an Liebe für sie und ihre Kinder dort gab.

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s