Fremdes...

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe


für Esther und Lucie

„Wenn jedes Lebewesen nur lebendig ist und entwicklungsfähig bleibt, solange es aus sich selbst heraus etwas entwickelt, was wir bei uns selbst als ein Bedürfnis oder ein Motiv bezeichnen und was nichts anderes heißt als dass es etwas (leben, wachsen, sich vermehren) will, dann sollte sich auch erkennen und herausarbeiten lassen, woher dieses Bedürfnis kommt, wie es sich herausbildet und auf welche Weise und mit Hilfe welcher Strategien es gestillt werden kann.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 12

„Vielleicht ist die Liebe in Wirklichkeit eine Suche, vielleicht sind Liebende einander Suchende, die etwas von der Suche des anderen, von seinem Ringen nach Ganzheit erahnen. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach der Offenheit für das in uns, was größer ist als wir selbst, von dem wir abgeschnitten sind durch unser Begehren, unsere Angst und unsere von anderen übernommenen Vorstellungen und Wünsche. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach sich selbst, nach einer in uns selbst verborgenen Kraft, oder nach dem anderen und einer in ihm oder ihr verborgenen Kraft. Wenn Liebe als eine solche Suche verstanden wird – so verschwommen unsere Vorstellung von dieser Suche auch sein mag –, geht es in der Liebe nicht um die Befriedigung definierter, objektivierbarer und messbarer Bedürfnisse. Liebe wäre dann vielmehr ein Prozess des Werdens, ein Prozess der Entfaltung und der Entwicklung von Menschen in der Wechselwirkung ihrer Beziehung. Vielleicht ist Liebe also so etwas wie ein Motor für die Koevolution des Menschen, ein Prozess, in dem sich Menschen wechselseitig die Erfüllung und Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsucht in Aussicht stellen.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 16

„Um zu verstehen, weshalb so eine innere Bewegtheit angestoßen wird, müsste man herausfinden, was einem Menschen, der sich in einen anderen verliebt, dabei wirklich bedeutsam ist. Die etwas ernüchternde Antwort auf diese Frage lautet: er hofft, in dem anderen etwas zu finden, was ihm selbst fehlt. Wer in diesen Zustand des Verliebtseins gerät, ist also eigentlich ein Bedürftiger: er erhofft sich Nähe und Verbundenheit, Anerkennung und Zuwendung, Bedeutung und bisweilen sogar Sinngebung seiner eigenen Existenz durch einen anderen Menschen. Und je stärker die betreffende Person bisher unter dem Mangel an all dem gelitten hat, desto intensiver erlebt sie dieses Gefühl der Verliebtheit, wenn sie einem anderen Menschen begegnet, der ihr geeignet erscheint, diese eigenen ungestillten Sehnsüchte zu stillen. Das erzeugt eine starke Anziehungskraft und ein entsprechend starkes Gefühl, das noch weiter gesteigert wird, wenn das Objekt der Verliebtheit, also der oder die andere, die gleichen Sehnsüchte in sich trägt und ebenfalls in der Beziehung zu stillen hofft.
So verleiht die Verliebtheit einer Beziehung eine bisweilen enorme Intensität, aber nicht zwangsläufig auch Stabilität. Denn die Verliebtheit verwandelt sich sehr schnell in Ernüchterung, womöglich sogar Ablehnung und Hass, wenn das Objekt der Verliebtheit sich als ungeeignet erweist, die in sie oder ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Liebe ist [aber] etwas [ganz] anderes. Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist eine innere Einstellung, zu der manche Menschen über den Zustand der Verliebtheit finden. Das gelingt freilich nicht allen, denn es setzt voraus, dass der oder die andere irgendwann nicht mehr als Objekt zur Überwindung eigener Bedürftigkeit benutzt wird.
Es setzt voraus, dass man von dem Partner nichts erwartet, dass man ihn oder sie nicht länger zur Überwindung der eigenen Bedürftigkeit benutzt. Lieben kann deshalb nur jemand, der selbst mit beiden Beinen im Leben steht, der nicht mehr an seinem ungestillten Bedürfnis nach Verbundenheit einerseits und nach autonomer freier Lebensgestaltung andererseits leidet. Ein Liebender kann deshalb nur werden, wer in seinem Leben Gelegenheit hatte zu erfahren, dass er so, wie er ist, gemocht wird, dass er dazugehört und gleichzeitig autonom und frei sein darf. Um ein Liebender werden zu können, muss man also zumindest als Kind selbst [wirklich] geliebt worden sein [und eine sichere Bindung erfahren haben].
Diese Erfahrung wird im Frontalhirn verankert und kann später in der engen Beziehung zu einem anderen Menschen erneut aktiviert, verstärkt und dann auch für sich selbst bewusst gemacht werden. So entsteht aus den dabei in der präfrontalen Rinde gleichzeitig aktivierten und dabei miteinander verkoppelten emotionalen und kognitiven Netzwerken eine durch eigene Erfahrung heraus geformte innere Haltung oder Einstellung, eben die eines beziehungsweise einer Liebenden.
Diese Haltung bestimmt die Bewertungen, lenkt die Aufmerksamkeit und steuert das Denken, Fühlen und Handeln der betreffenden Person, also auch ihr Verhalten. Personen, die diese Haltung eines oder einer Liebenden heraus geformt haben, schaffen sich selbst auf diese Weise immer wieder Erfahrungsräume, in denen ihre Haltung durch entsprechende Erfahrungen weiter verstärkt wird. Wenn das in einer Partnerschaft beiden Lebenspartnern gelingt, bilden diese gemeinsam gemachten Erfahrungen die Grundlage einer stabilen Paarbeziehung, in der jeder der beiden Partner immer wieder neu fühlt und erkennt, dass er in dieser Beziehung beides gleichzeitig sein darf: zutiefst verbunden und absolut frei.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 52f.

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