Fremdes...

Wege zum Glück


1.

Was für die Menschen gut oder schlecht ist, stellt für Fromm keine abstrakte philosophische Frage dar, sondern eine ganz konkrete: Was uns wirklich glücklich macht, ist auch gut für uns. Das Erleben von Glück, und nicht etwa von Lust, ist nach Fromm somit ein Hinweis auf ein allgemein menschliches Gut. Lust taugt nicht als Kriterium, da zum Beispiel ein Faschist Lust erleben kann, wenn er andere unterdrückt. Für Fromm führt somit die spontane Selbstbejahung in der Liebe und im kreativen Tätigsein zu Selbstverwirklichung und psychischem Wachstum, was die beste Voraussetzung für das Glück darstellt. […]
Eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Herausforderungen, die einem auf dem Weg zur Freisetzung des wahren Selbst begegnen, ist die Akzeptanz und der Ausdruck abgelehnter Gefühle. […]
Gefühle können als Instrumentarium angesehen werden, mit dem der Organismus ausgestattet ist und das es ihm erlaubt, ohne Rücksicht auf den Verstand, der ohnehin immer alles besser weiß, Ereignisse zu bewerten. Emotionen sind somit das Ergebnis eines organismischen Bewertungsprozesses, der eigentlich von größter Wichtigkeit sein sollte. Wenn wir den menschlichen Organismus mit einem Flugzeug vergleichen und den Verstand mit dem Piloten, dann sind die Gefühle die Warnlämpchen und Anzeigentafeln, mit denen sich der Pilot jederzeit ein zuverlässiges Bild des momentanen Zustandes seines Flugzeuges verschaffen kann. Wenn nun die Nadel einer Anzeigetafel droht, in den roten Bereich vorzurücken, oder wenn eine Warnlampe aufblinkt, dann ist entsprechendes Handeln notwendig, um das Flugzeug wieder in die sichere Zone zurückzuführen. Genauso verhält es sich bei uns. […]
Wenn wir jederzeit auf unsere Gefühle und die damit verbundenen organismischen Bewertungsprozesse hörten, dann wären wir genau so, wie es unserem wahren Selbst entspricht. Wir wären ständig dabei, uns selbst zu aktualisieren und könnten uns immer so annehmen, wie wir wirklich sind. Leider mussten aber viele Menschen im Laufe ihres Lebens und insbesondere in der Kindheit und Jugend erfahren, dass sie so, wie sie sind, nicht immer geliebt und anerkannt werden. […]
Die Verinnerlichung solcher Beziehungsbotschaften und kritisierenden Zuschreibungen führt mit der Zeit dazu, dass sich beim heranwachsenden Menschen immer mehr eine Schere auftut zwischen dem, was er wirklich ist, und dem, was er denkt, dass er sein sollte. […]
Doch Selbstakzeptanz ist nur möglich, wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen. Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bestehen die Voraussetzungen nicht, um persönliche Eigenarten, Einstellungen oder Wünsche anzunehmen und sich als ganze Person zu bejahen. Häufig ziehen wir es aber vor, ein falsches Bild von uns zu zeichnen und dieses Bild anderen möglichst gut zu verkaufen. Im Kleinen ist das ganz harmlos und lustig, etwa wenn jemand über stadtbekannte Persönlichkeiten nur mit dem Vornamen spricht, wie das eine liebe Verwandte von mir tut, um den Anschein zu erwecken, als sei sie persönlich mit ihnen befreundet. Tragischer wird die Selbstbeleugnung jedoch, wenn ganze Lebensentwürfe und Selbstdefinitionen damit verbunden sind. […]
Wer sich weigert, sein eigenes Selbst ehrlich zu betrachten und immer wieder neu zu aktualisieren, wird [schließlich] Strategien der Absicherung, der Risikovermeidung, des Verhüllens und Verschleierns, des Anpassens und Vortäuschens, des Abwägens und Abwiegelns wählen, wenn er sich zu anderen Menschen in Beziehung setzt. Wer dagegen den Mut aufbringt, sich selbst so zu sehen, wie er ist, läuft weniger Gefahr, am eigenen Leben vorbeizuleben, als jemand, der hartnäckig an einem illusorischen und rigiden Selbstbild festhält. Die Aufrichtigkeit und die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber benötigen viel Mut, denn es ist nicht leicht, eine Illusion aufzugeben, wenn noch nicht klar ist, was denn an der Realität besser sein soll. Doch jeder Mensch trägt eine Art Vision eines gelungenen Lebens in seinem Herzen, und seine Gefühle weisen ihn untrüglich darauf hin, wenn er sich nicht systematisch darin trainiert hat, diesen Gefühlen gegenüber taub zu sein.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen; S. 160 – 167

2.

Eine entmutigende Erziehung zeichnet sich dadurch aus, dass dem Kind ein negatives Selbstbild vermittelt […] und gleichzeitig […] die Notwendigkeit vor Augen geführt wird, dass es noch einen weiten Weg zurücklegen muss, um die Anerkennung und Liebe der Eltern zu verdienen. Nicht immer muss diese Art der Erziehung so offen zutage treten wie bei Kafkas Vater. Tatsächlich ist Entmutigung in der Erziehung [jedoch] derart weit verbreitet, dass praktisch die gesamte herkömmliche Pädagogik von diesem Übel durchdrungen ist. Denn bereits die Vorstellung, dass ein Kind zu irgendetwas „erzogen“ werden muss, verrät eine Einstellung, die das Kind als defizitäres Wesen sieht. Das Kind soll durch geeignete pädagogische Maßnahmen verwandelt, umgeformt und möglichst gut an die Erwachsenenwelt angepasst werden.
Gegen eine solche Sichtweise von Erziehung, von der praktisch alle „zivilisierten“ Kulturen durchdrungen sind, zumindest aber die westliche Kultur seit der Aufklärung, hat sich mit aller Entschiedenheit der deutsche Antipädagoge Ekkehard von Braunmühl gewandt. Antipädagogik wendet sich gegen jegliche Vorstellung, dass Kinder zu irgendwas hin erzogen werden sollten. Die Antipädagogik versucht, die Er-ziehung des Kindes durch Be-ziehung zwischen Kindern und Erwachsenen zu ersetzen. Die Art dieser Beziehung zeichnet sich durch ständige Ermutigung des Kindes aus. […]
Weil die allermeisten Erwachsenen [jedoch] selbst eine Er-ziehung „genossen“ haben, wissen sie leider nicht, wie es sich anfühlt, wenn sie sich uneingeschränkt lieben und annehmen können. Statt sich die erlittenen Schädigungen durch Eltern und Lehrer einzugestehen und im Erwachsenenalter durch förderliche Beziehungen und Psychotherapie möglichst auszugleichen, befinden sich viele Erwachsene im Irrglauben, dies sei der natürliche Seinszustand, zu dem sie auch ihren eigenen Kindern verhelfen sollten. Statt die Trauer und Enttäuschung über mangelnde Ermutigung seitens der Eltern, denen sie vertrauten, zuzulassen und sich selbst als wertvolles und liebenswertes Wesen neu zu entdecken, werden diese Gefühle abgewehrt. Nun wird durch entsprechende pädagogische Ambitionen und Maßnahmen viel Energie darauf verwendet, bei den eigenen Kindern die gleiche Art der seelischen Verkrüppelung [wie bei sich selbst] herbeizuführen.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen: S. 247f.

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