Gedichte...

Das Nein in der Liebe


“Je mehr wir in unser eigenes Unbewusstes eindringen, desto mehr entdecken wir, dass wir uns in quantitativer Hinsicht beachtlich unterscheiden, dass wir aber hinsichtlich der Qualität unserer Strebungen gleich sind. Die gründliche Erforschung des Unbewussten stellt [daher] einen Weg dar, die Menschheit in sich selbst und in jedem anderen menschlichen Wesen zu entdecken.“

Erich Fromm: Vom Haben zum Sein, Seite 110f.

Ich habe meine Frau immer verstanden.
Alles verstanden.
Darum hab ich ihr alles „erlaubt“, alles durchgehen lassen, alles mitgemacht.
Erst jetzt verstehe ich, dass ich mich selbst nie verstanden habe.
Und seitdem ich mich zu verstehen beginne, erkenne ich:
Nur, weil ich alles verstehen kann, ist noch nicht alles richtig oder gut.
Menschen haben immer gute Gründe für ihr Handeln.
Aber deswegen ist nicht per se alles richtig, was sie aus diesen Gründen tun.
Jemanden bedingungslos zu verstehen, dessen Verhalten mir schadet, ist Selbstnegation.
Und grade Menschen, die selbst Probleme haben, sehen den Schmerz, den sie anderen zufügen, oft nicht.
Von sich aus werden sie also ggf. jahrelang bei ihren „Gründen“ und ihrem Verhalten bleiben.
Die einzige Chance, hier gesund zu bleiben, ist, zu sagen:
„Ich verstehe Deine Motive – aber richtig ist Dein Handeln für mich dennoch nicht.
So möchte ich nicht mehr, dass Du mit mir umgehst.“
Hier wird das Nein in der Liebe zum Ja zur Beziehung.
Und zwar in doppelter Hinsicht.
Zum einen, weil es einem selbst hilft, einen selber behütet und schützt.
Und zum anderen, weil es auch den anderen zum Wachstum einlädt, ihm aufzeigt, wie sehr er mit seinem oft „liebevoll“ gemeinten Verhalten anderen in Wahrheit Schaden zufügt.
Und ihm damit ermöglicht, zu erkennen:
Mit dem meisten davon schadet er immer auch sich.
Das weiß und ahnt und merkt er oft nur nicht.
Bis man ihn – aus Liebe – darauf hinweist, was sein Verhalten mit einem selber tut.
Im ehrlichen Spiegel der Gefühle anderer erkennen wir uns schließlich selbst.
Und finden so, wenn wir mutig sind, vielleicht eines Tages … nach Haus.
Liebe zu anderen setzt somit eines bedingungslos voraus: Liebe zu sich selbst.
Denn nur, wenn ich mich beschütze, dem anderen nicht erlaube, mir zu schaden, nur dann, wenn ich Nein sage, obwohl ich ihn „verstehe“, hilft das schließlich auch ihm.
Nur dann erkennt er wirklich mich, erkennen wir einander.
Und findet, wenn alles glückt, jeder im anderen schließlich auch: sich selbst.

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Ein Gedanke zu “Das Nein in der Liebe

  1. Katharina von Fircks schreibt:

    schon mal auf dem richtigen Wege…es wird immer viel Einsichtigkeit und Erkennen fordern,aber wenn der Wille da ist…kann man Berge versetzen…Danke Katharina

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