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Brief an eine Freundin


„Und wenn wir nur unser Leben nach jenem Grundsatz einrichten, der uns rät, daß wir uns immer an das Schwere halten müssen, so wird das, welches uns jetzt noch als das Fremdeste erscheint, unser Vertrautestes und Treuestes werden. Wie sollten wir jener alten Mythen vergessen können, die am Anfange aller Völker stehen, der Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“

Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Ich habe viele Monster in mir.
Aber eigentlich sind es gar keine.
Es sind getarnte Ängste.
Sie haben sich in Monsterkostümen versteckt.
Und sehen manchmal lustig, oft jedoch bedrohlich aus hierin.

Zwei Monster sind die Eltern der anderen:
Das Verlustangst-Monster.
Und das Fremdbestimmtwerdenangst-Monster.
Die Monster sind alt und der Ursprung aller anderen Angst.
Sie waren einst Freunde.
Sie haben mich gerettet, indem sie Nähe zu meiner Mutter verhindert haben.
Immer, wo es wirkliche Nähe hätte geben können zu ihr, drohte große Gefahr.
Sie hat mich abgewertet und manipuliert. Sie hat mich klein gemacht.
Hieraufhin wurde das Fremdbestimmtwerdenangst-Monster geboren.
Es will mich davor beschützen, dass ich jemandem, den ich liebe, wirklich vertraue.
Denn er könnte mich manipulieren. Mein Wesen brechen. Mich auffressen. Verschlingen.
Meint das Monster. Und früher war es so. Heute nicht mehr.
Auf der anderen Seite hat meine Mutter mir immer Schuld und Verantwortung zugeschoben.
Sie hat mich bedroht.
Wenn ich mich nicht anpasste, würde sie mich verlassen.
Oder ganz furchtbar leiden.
Aber auch dann wäre ich allein.
Ohne Mutter.
Oder sie würde mich abschieben. Ins Heim.
Das war große Gefahr.
Hieraufhin wurde das Verlustangst-Monster geboren.
Es will mich beschützen, Menschen zu verlieren.
Leider bringt es mich immer wieder dazu, mich selbst aufzugeben und zu negieren.
Es denkt nämlich auch heute noch, wenn ich jemanden verlöre, könnte ich sterben.
Und so brachte es mich in der Vergangenheit oft dazu, mich dauerhaft an Leute zu binden, die mir schadeten.
Denn sie zu verlassen, so flüsterte das Monster in mein Ohr, wäre lieblos, ja, eine Art „Mord“.

Oje.
Oje, oje, oje.
Diese Monster.
Einst Freunde und heute Problem.
Sie verhindern wirkliche Nähe.
Verhindern, dass ich meine Schwächen lebe und liebe.
Dass ich so sehr vertraue, dass ich mich wirklich zu zeigen und öffnen vermag.
Verhindern, dass ich mich abgrenze, nein sage, dass ich mich durchsetze.
Und auch heute noch handeln sie aus Liebe.
Das verleiht mir die Hoffnung, eines Tages mit ihnen Frieden schließen zu können.
Wenn ich ihnen endlich Raum gebe, sie zu verstehen beginne, ihnen die Hand reiche.
Ich hoffe, auch mit ihren ganzen Kindern eines Tages Frieden schließen zu können.
Denn da sind einige.

Da ist bspw. das Schuldangst-Monster.
Wenn es wem, den ich mag, schlecht geht oder er reagiert auf mich negativ, bin immer ich schuld.
Wie einst.
Das macht mir höllische Angst.
Ich denke dann, ich sei eine Art Mörder.
Dabei sind andere verletzt, weil ihre Monster ihnen schaden.
Und habe ich selbst noch nie in meinem ganzen Leben jemanden wirklich „verletzt“.
Ich denke nur immer, das ich dies täte.
Aber das ist falsch.

Und da ist auch noch – neben anderen – das Wenigerwertalsandereseinangst-Monster.
Das sorgt bspw. dafür, dass ich, wenn Du wächst, wenn Du Erfolge erringst und Ziele erreichst, mich hierfür hasse, weil es mir dann einredet, jetzt sei ich „weniger wert“ als Du weil anders und schlechter und überhaupt.
Das ist eigentlich eines der schlimmsten Monster.
Weil es in Folge dazu verleiten kann, bewusst oder unbewusst anderen ihr Wachstum zu vereiteln oder vereiteln zu wollen.
Denn: Wenn sie wachsen, fühle ich mich ja klein.
Es ist daher auch ein Anti-Liebe-Monster.
Und wenn man das erkannt hat, hat man auch schon erkannt, was zum Frieden mit ihm verhilft:
Liebe nämlich.
Und die Erkenntnis: Wenn Du wächst, ist das richtig für Dich – und macht mich nicht weniger wert.
Sogar im Gegenteil: Umso besser es Dir (und anderen Menschen in meiner Nähe, die ich liebe) geht, umso eher wachse auch ich selbst.
Wachse mit Dir und Euch „mit“.
Und darum geht es:
Wachsen und größer werden.
Mich hat grad Dein Erfolg mit dem Joggen in eine kurze Selbstabwertungsspirale geführt.
Boah! Wie pervers ist das denn?
Ich bin so froh, dass ich das inzwischen mehr und mehr verstehe und auch präzise fühle.
Weil ich durch diese „Bewusstheit“ endlich gegenzusteuern vermag.
Und daran arbeiten kann, weder mich noch andere auf- oder abzuwerten.
Groß- oder Kleinzumachen.
Und woher auch das?
Aus dem „Du bist niemals gut genug für unsere Liebe“ der ersten Bezugspersonen.

Das ist dann auch schon gleich eine weitere und fast die letzte Erkenntnis hierzu:
Ja, hinter allen Monstern steckt die Angst.
Es sind Ängste, die sich Monsterkostüme angezogen haben.
Aber, und das ist der Clou: Hinter der Angst steckt … Liebe.
Falsch verstandene, frühe, abhängige, wehrlose Liebe.
Liebe, die, um die Mutter zu retten, mich selbst zu opfern bereit war.
Liebe, die mich abwertete, um die Mutter groß und ihren Selbstwert damit stabil zu belassen.
Liebe, die mich dazu brachte, mich anzupassen, bis ich fast draufging, damit die Mutter, die ich so sehr liebte, mich auf keinen Fall verlässt.
Usw. usf.

Und da schließt sich der Kreis:
Es gibt genau zwei Motive im Leben, aus denen heraus Menschen handeln:
Liebe und Angst.
Die Liebe ist das, woran Du erkennst, wer und von welchem Wesen Du bist, was und wer Dich glücklich macht.
Und die Angst ist das, woran Du erkennst, wer Du noch nicht bist, aber werden sollst.
Und umso mehr Du jener wirst, der Du noch nicht bist, umso mehr Du Dich Deiner Angst stellst, umso mehr erkennst Du:
Dass die Angst stets nur falsch verstandene Liebe ist.
Dass Du dort, wo Du sie überwindest, neue Räume in Deiner Seele findest bzw. schaffst.
Dass hinter der Angst schließlich noch mehr Liebe entsteht.
Wirkliche Liebe diesmal.
Liebe in Freiheit und voller Selbstrespekt.
Und dann wirst Du weiter und tiefer … und schließlich: frei.
Ja, umso mehr wir wir selbst werden, umso mehr Liebe und umso weniger Angst wohnt uns inne, denn dann erkennen wir die Zusammenhänge hinter allem und „verstehen“.
Ein weitaus klügerer Mensch als ich hat das einmal so beschrieben:

Wer nichts weiß, liebt nichts.
Wer nichts tun kann, versteht nichts.
Wer nichts versteht, ist nichts wert.
Aber wer versteht,
der liebt, bemerkt und sieht auch…
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt,
desto größer ist die Liebe…
Wer meint, alle Früchte
würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif,
versteht nichts von den Trauben.
(Paracelsus)

Ein anderer beschreibt es so:

Drum meine ich:
Liebe und verstehe Deine Monster.
Dann liebst und verstehst Du auch Deine Angst.
Und liebst und verstehst schließlich … Dich selbst.
Gesund. Vor allem aber: frei.

PS: Liebe macht stark!

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Ein Gedanke zu “Brief an eine Freundin

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