Gedichte...

Das Un-Banale


Ich liebe
auch Deine Brüste
und Deinen wachen Verstand

Doch bin ich eitel
und will vor allem
das Un-Banale an Dir lieben
jenes
das nicht
jeder sofort erkennt

Daher
liebe ich
auch den Klang und die Zartheit
Deiner Stimme
an deren Gute-Nacht-Geschichten
und Geborgenheit
Deine Kinder
sich noch erinnern werden
wenn sie selbst
schon Eltern
oder Großeltern
sind

Liebe
die Entschlossenheit
mit der
Du beim Bäckerfrühstück
aufspringst
einen Croissant erwirbst
und ihn
wie selbstverständlich
dem Obdachlosen bringst
der sich gerad
vor unserem Fenster
niedergelassen hat

Und liebe
Deine Sprachlosigkeit
die so leise und umsichtig ist
dass sie mir
nicht einfach schwere, harte Worte
an den Kopf wirft
sondern Dein Fühlen und Empfinden
stattdessen
zu äußern sucht
indem sie
mir ein Lied spielt
das
mich zu Tränen
rührt

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Gedichte...

Aus Liebe zu Dir


für Eva-Maria

Aus Liebe zu Dir
Deine Schätze sehen lernen
und aus Liebe zu diesen
Dich lieben
noch mehr

Aus Liebe zu Dir
Deine Not verstehen wollen
und verstehen lernen
und schließlich
verstehen können
und hierdurch
auch Deine Dunkelheit und Ungnade
mit liebenden Augen
und Wärme im Herzen sehen

Das Dunkle
und das Helle in Dir lieben
weil beides zusammen
erst Leben
und in Summe
ist was Du bist

Aus Liebe zu Dir
gelernt haben
Schätze zu sehen
und auch Dunkelheit und Ungnade
zu lieben und lieben zu können

und Frieden finden
und schließen
nun auch in
und mit mir:
Mich lieben
aus Liebe zu Dir

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Gedichte...

Wachgeküßt


Meine Liebe
in Dir finden
und Deine in mir
das ist
schon ein Fingerbreit Freiheit
denn nun weiß ich:
Ich bin
nicht allein

Meine Angst
in Dir finden
und Deine in mir
das ist
schon ein Fußbreit Freiheit
denn nun sehe ich:
dass Du für Dich
und nicht
gegen mich kämpfst
und ich
gar nicht einsteigen
und mitkämpfen muss

Dich
wegen Deiner Schätze
lieben
und wegen der Freude
die ich ob ihrer verspür
das ist
schon ein großes Stück Freiheit
weil
finde ich diese
alsdann auch in mir
ich nun auch
mich selbst
wegen ihrer
zu lieben
vermag

Um Deinet-
und um meiner Liebe zu Dir willen
auch Deine Dunkelheit lieben
und Deine Schwächen
und Deine Not
Dir Deine Ecken
und Kanten
und auch so genannten Fehler
verzeihn
und all diese und dieses
dann auch
in mir finden
das ist
wahrhaft schon Freiheit
weil ich
wo ich jetzt verstehe
dass uns dieselbe Dunkelheit eint
nun auch mich
so nehmen kann
wie ich bin
mit meinen Schwächen
und meiner Not
und auch mir
vergeben kann
dass ich bin
wie ich bin
aus Liebe
zu Dir

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Gedichte...

Wenn der Wind weht


Es ist schön
wenn der Wind weht
direkt
in mein Gesicht

Dann fühle ich
dass ich lebe
und bin
und wie
und wo ich bin
und dass ich
begrenzt und endlich
und nicht
der Wind bin

Wenn der Wind weht
lerne ich mich selbst
besser kennen:
meine Liebe
Freiheit und Unfreiheit
meine Gewordenheit
und Angst
meinen Hochmut und Zorn
mein Allein-und-doch-niemals-Alleinsein

Unbestimmtheit macht mich nervös.
Festgelegtsein aber auch.
Und Neues ausprobieren.
Und gegen die eigenen Vorurteile angehen.
Und dann ohne sie sein. Ganz nackt.
Und Zulassen. Einlassen.
Weglaufen aber auch.
Auf den Bauch hören statt auf den Kopf.
Und Vermissen.
Nichtvermissen aber auch.
Und Courage.
Und Anderssein.
Nichtanderssein aber auch.
Und Fremdsein.
Doch bleibt man einander
das nicht stets?

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Fremdes...

Liebe ist Selbstfindung


Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
daß du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen

nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

(Erich Fried)

Ich habe gesagt, dass in der Meditation und Kontemplation Liebe entsteht. Diese Liebe fragt nicht nach Erwiderung, sondern sie strömt aus mir heraus und schlägt sich auf die Umwelt nieder. In diesem Zustand der Liebesfähigkeit bin ich bereit zu lieben, ohne nach Resonanz zu fragen. Dies ist bei der Liebe zur Natur jedem leicht verständlich.

Bei der Liebe zu einem Menschen des anderen [oder gleichen] Geschlechts werden die Verhältnisse etwas komplizierter, denn hier erwarten wir Resonanz, nämlich die Erwiderung unserer Liebe. Wir spiegeln uns in dem erwählten Liebesobjekt und fragen: „Liebst Du mich genauso wie ich Dich?“ Das Modell für diese Liebe zum Menschen liegt in der Kindheit und in der Abhängigkeit von den Eltern (primär von der Mutter). Das Baby ist abhängig von der Mutterliebe, es ist auf Resonanz angewiesen, und es spürt genau, ob es geliebt wird oder nicht. Seine Existenz und seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung hängen davon ab. Die Mutter ist ein Spiegel, in den das Kind sensitiv hineinschaut mit der Frage: „Wenn ich das und das tue, werde ich dann von Dir geliebt?“ Geliebt zu werden ist für das Kind existenznotwendig, denn ohne Liebe drohen Strafe und Angst. Kurz gesagt, das Kind sucht seine Selbstfindung in der Liebesbestätigung durch seine Eltern, es entwickelt die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Eltern mögen, und unterdrückt in sich das, was die Eltern nicht mögen. Es liebt seine Eltern, weil es keine andere Wahl hat, es strebt danach, wiedergeliebt zu werden. Die Entwicklung seines Selbst wird von den Erziehungspersonen gesteuert, es lässt sich manipulieren und manipuliert sich selbst, um geliebt zu werden.

Die Liebe zur Natur ist dagegen viel unproblematischer, denn der Baum, den ich meditativ liebe, verlangt von mir nichts, er akzeptiert mich so, wie ich bin, und ich akzeptiere ihn, wie er ist. In der Kindheit ist die Liebe eng verknüpft mit der Selbstentfaltung und Selbstwertschätzung. Wir erfahren, dass Menschen etwas von uns verlangen, während ein Baum oder ein Vogel in der Luft nichts von uns fordert. Einen Vogel können wir lieben, ohne davon abhängig zu sein, dass wir von ihm wiedergeliebt werden.

Die Liebe zu Menschen ist problematisch, weil Menschen etwas von uns fordern, auch später, wenn es nicht mehr um die Liebe der Mutter geht, sondern um die Liebe eines Partners. Von einem Partner erwarten wir, dass wir unser Selbst in ihm spiegeln können, er gibt uns Resonanz, ob er uns mag oder nicht. Er sagt uns beispielsweise: „Deine Strebsamkeit, Deinen Charme, Deine Initiative mag ich, Deine Leichtsinnigkeit, Deine leichte Gefühlsansprechbarkeit jedoch nicht.“ Ein Mensch ist für uns ein Spiegel, in dem wir uns betrachten können, und wir sind begeistert, wenn wir Zustimmung erfahren, wenn man uns lobt, wenn man uns sagt, so oder so seien wir richtig und liebenswert.

Das Liebesobjekt hat also einen großen Einfluss auf die innere Selbstfindung und Selbsterfahrung. Wir fühlen uns von dem anderen definiert und wollen von ihm wissen, wie wir sind, wie er uns empfindet, was er von uns denkt. Wir wollen wiedergeliebt werden wie als Kind von der Mutter, jetzt von dem Partner, und wir richten unser Verhalten nach den Erwartungen und Vorstellungen, die wir in dem Resonanzspiegel erfahren. Wir finden uns selbst im anderen, in seiner Diagnose, und wir arbeiten an unserem Selbst nach diesen Erfahrungen wie als Kind. So kommen wir aus der Manipulation unseres Selbst niemals heraus. Von Mutter und Vater waren wir existentiell abhängig, weil wir Schutz und Geborgenheit suchten, von dem Partner des anderen [oder gleichen] Geschlechts sind wir abhängig, weil wir Sex, Schutz, Geborgenheit und Anerkennung unseres Selbst suchen. Die Manipulation nimmt kein Ende, und wir sind als Erwachsene nicht freier als ein Kind, obwohl wir hofften, es würde „später“ alles viel besser, wir könnten freier, autonomer und offener leben. Es erweist sich, dass die eine Manipulation durch eine andere abgelöst wird, dass wir von einer Unfreiheit in die andere geraten. Ist das Selbstfindung? Haben wir unser Selbst gefunden, wenn ein anderer sagt, wer wir sind?

Ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage jedem leicht fällt. Solange wir uns in anderen spiegeln und uns im Spiegelbild der anderen selbst finden wollen, sind wir genasführt. Wirkliche Selbstfindung ist etwas anderes, sie ist Findung des eigenen Selbst, ohne andere zu fragen, was sie davon halten, wie sie mein Selbst bewerten. Es ist schwer, diese Autonomie zu finden, es ist so gut wie unmöglich in einer Gesellschaft, die vom Babyalter an den Menschen manipuliert. Wir bleiben Manipulierte bis zum Grab, wenn wir diesen Prozess nicht durchschauen und Schluss damit machen.

Wir dürfen also nicht mehr andere fragen: Wer bin ich? Wir müssen uns selbst fragen, niemanden sonst, denn wer und was wir sind, liegt in uns selbst, kein anderer, keine Mutter, kein Vater, kein Lehrer, kein Liebespartner, kann uns eine Antwort darauf geben.

Wenn wir das erkannt haben und auch danach leben, dann verändert sich die Liebe. Wir lernen die Menschen zu lieben, ohne zu fragen: „Werde ich wiedergeliebt? Was liebst Du von mir und was nicht? Was kann ich tun, dass Du mich mehr liebst, und was muss ich unterlassen?“ Wir fragen nicht mehr, weil wir diese Fragen lächerlich und entwürdigend finden. Wir finden uns nicht mehr im anderen wieder, sondern wir finden uns nur in uns selbst.

In dieser praktischen Erkenntnis zeigt sich wirkliche Autonomie. Die Fähigkeit, einen anderen zu lieben, ohne danach zu fragen, ob man wiedergeliebt wird, ist die reife Liebe des autonomen Menschen, der keinen anderen manipuliert und auch selbst nicht manipuliert werden kann und will. Die reife Liebe ist auf das eigene Sein gegründet, sie ist nicht unsicher und fragt nicht nach Resonanz, sie ist unerschütterlich auf mein Selbst begründet, auf mein eigenes Sein. Liebe zu einem Menschen ist dann meditativ und kontemplativ wie zu einem Baum auf der Wiese und wie zu einem Vogel in der Luft, sie respektiert das andere Sein und fordert nichts.

Reife Liebe als Prozess und Zustand ist Selbstfindung. Wer liebt, erfährt sich selbst in der Liebe, diese Erfahrung ist Zuwendung und Meditation in einem.

Peter Lauster: Die Liebe. Psychologie eines Phänomens, S. 72ff.

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