Geschichten...

Mitunter sogar Lachen


Unsere studentische Hilfskraft, Kunstpädagogin und Künstlerin sowie ein Herz von einem Mensch, berichtet mir von ihrem Praktikum in einer psychiatrischen Einrichtung, in der sie eine Zeitlang Menschen mit seelischen Problemen, die zudem oft auch körperlich gehandicapt waren, begleitete und betreute. In einer Einrichtung, in der die Patienten die Gelegenheit erhielten, in dutzende Berufe hineinzuschnuppern und für die Zeit ihres Aufenthaltes den Beruf ihrer Wahl auszuüben – ihren ‚Traumberuf‘.

Ein Patient, so berichtet sie, war aber für nichts zu begeistern. Er wollte nicht Bauer sein, nicht Bäcker, nicht Maler, nicht Künstler und nicht Schriftsteller. Auf die Frage, was er denn dann sein wolle, antwortet er, er wolle Hühnerhalter sein. Gesagt, getan. So stellt sie bei der Einrichtungsleitung einen Antrag – und 14 Tage später hat das Haus einen Anbau im Außenbereich: ein Hühnerhaus mit Platz für 15 Hühner darin. Am Morgen, an dem dann auch die Hühner geliefert werden, stürmt der angehende Hühnerhalter in ihr Zimmer, greift ihre Hand und eilt mit ihr durch die gesamte Einrichtung gen Hühnerstall. „Die Hühner sind da!“, ruft er dabei ein ums andere Mal. „Die Hühner sind da!“ Vor der Tür des Hühnerstalls bleibt er dann jedoch schlagartig stehen und dreht sich zu ihr herum. „Sage einmal“, beginnt er zu fragen, „ob sie wohl beleidigt sind, wenn ich sie mit ‚Guten Morgen, meine Damen, und nun hinaus aus den Federn!‘ begrüße?“ „Nein, das kannst Du schon machen“, erwidert sie. Daraufhin öffnet er die Tür des Stalles, streckt seine Brust nach vorn, breitet die Arme weit aus, lächelt und ruft: „Guten Morgen, meine Damen. Herzlich willkommen und nun hinaus aus den Federn!“

Ein andermal seien sie mit einem Großteil der Patienten durch die Weinberge gewandert. Hundert, zweihundert vielleicht, sehr viele jedenfalls. Viele davon im Rollstühlen. Und in diesen dann über die Weinberge. Alles andere als eine gute Idee. Die Gruppe schrumpfte daher auch immer mehr. Alle paar Kilometer musste der Fahrdienst angerufen und darüber informiert werden, wo gerade wieder zwei ‚Zweiradfahrer‘ abzuholen seien. Dann aber – endlich das Ziel. Eine Kirche. Und gleich ist Gottesdienst. Links Reihen. Rechts Reihen. Dazwischen ein Gang. In den linken Reihen beziehen die braven Bürger der Gemeinde ihren Platz. Und rechts ‚die Verrückten‘, wie man sich untereinander liebevoll nennt. Irgendwann geht dann der Klingelbeutel herum. Auf der linken Seite wird er gefüllt: Fast jeder und jede wirft das ein oder andere hinein. Dann erreicht der Beutel die rechte Seite. Und wird hier: …entleert. Fast jeder und jede greift hinein, nimmt etwas heraus, freut sich wie ein Kind – und reicht den Beutel weiter, an Nebenmann oder -frau.

Einmal, so berichtet sie, habe eine Patientin, mit der sie gerade durch die Stadt spazierte, unbedingt etwas Verrücktes, etwas Tolles, etwas nur zum Spaß-und-Freude-Haben unternehmen wollen. „Ich will jetzt Graffiti machen!“, ruft die Patientin ihr, nach einer kurzen Bedenkzeit, schließlich festentschlossen zu. „Aber ich habe kein Geld. Mist, ich muss Spraydosen kaufen – aber ich habe kein Geld! Ich brauche jetzt sofort Geld! Ich will Graffiti machen…“ Und schon ist sie in einer Bankfiliale, die auf dem Wege lag, verschwunden. In dieser hebt sie die Hände über den Kopf, faltet sie wie zum Gebet, streckt Daumen und Zeigefinger dann vom Faustkonglomerat aus fort und ruft: „Hey, das ist ein Überfall, ich brauche jetzt sofort 20 Euro, dann wird auch niemandem etwas geschehen… Ich will Graffiti machen.“

Ach, ich mag Verrückte. Ich glaube, sie sind die einzigen normalen Menschen auf dieser Welt. Und Künstler mag ich auch. Ich kenne keinen, der nicht zumindest ein wenig verrückt-liebenswert wär.

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