Geschichten...

Triptychon in Prosa


Eigentum

Ich weiß, daß mir nichts angehört
Als der Gedanke, der ungestört
Aus meiner Seele will fließen,
Und jeder günstige Augenblick,
Den mich ein liebendes Geschick
Von Grund aus läßt genießen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Eins

Meine S-Bahn hat Verspätung. Also nehme ich den Regionalzug. Von Frankfurt nach Mainz. Die tägliche Pendelei. Selten habe ich einen so vollen Zug erlebt. Zwar ergattere ich noch einen Platz, doch der gesamte Gang ist mit Menschen verstellt. Nachdem wir angefahren sind, fallen mir zwei Dinge auf. Zum einen, dass offenbar jeder und jede um mich herum sehr beschäftigt ist. Da wird auf dem Computer oder Smartphone getippt, hektisch geblättert oder gelesen, einer schaut sogar einen Film auf seinem tragbaren PC. Den hat er auf den Knien. Ich nehme all das wahr, fühle mich hinein und schreibe im Kopf ein Gedicht, das ich später „Die Freiheit, die sie meinen“ nennen werde. Das zweite, was mir auffällt, ist eine junge Frau. Sie steht recht nah bei mir, im Gang. Sie liest nicht, blättert nicht, computert und smartphonet nicht. Aber sie will sitzen, schaut sich immer wieder nach einer entsprechenden Gelegenheit um. Ich weiß nicht, warum, aber sie berührt mein Herz. Ich mag ihr Lächeln und die Art, wie sie sich kleidet. Und auch noch mehr. Doch das ist Intuition und erschließt sich auch meiner Feinfühligkeit nicht. Ich bin ganz hin- und hergerissen. Was kann, soll, darf ich tun? Ansprechen! Aber wie…? Ich traue mich nicht. Und in einem Zug voller Grauer Herren und Damen wird es noch schwerer fallen, mutig zu sein. Plötzlich lache ich laut in mich hinein. Das passiert mir gelegentlich. Meist in den Momenten, wo meine Frechheit mit meiner Angst ringt und dieser zum ersten Mal einen ordentlichen Kinnhaken verpasst. Ich überlege mir, was wohl geschähe, wenn ich es hinbekäme, sie anzulächeln und ihr zu sagen: „Tausche Sitzplatz gegen Telefonnummer, wie wär’s?“ Der Gedanke versorgt mich zwar mit einer Überdosis Adrenalin, die Angst hat jedoch für die Frechheit einen Leberhaken parat – und darum sitze ich nur lächelnd in meiner Wagenecke und ringe innerlich mit mir. Nachdem mir klar wird, dass dieses Ringen wohl auch auf Dauer nur einen Patt ergeben wird, entscheide ich mich, wenigstens irgendetwas zu tun, und stehe nach ca. 15 Fahrtminuten auf. Warte, bis die junge Frau an mir vorbeigeeilt ist und sich gesetzt hat. Und nehme dann ihren Platz im Gang an ihrer statt ein. Sie setzt sich, lächelt und beginnt, genüsslich einen dicken Roman zu lesen. Ich stehe im Gang, lächele wahrscheinlich ein wenig bedröppelt vor mich hin, bin stolz auf wenigstens mein bisschen Mut und freue mich, dass ich nach so vielen Stunden, die ich heute bereits gesessen habe, nun auch einmal ein wenig zu stehen vermag. Doch die Situation ist noch nicht vorbei. Gelegentlich lächele ich sie an. Gelegentlich schaut sie zu mir. Nach vielleicht 20 weiteren Fahrtminuten geht ihr wohl irgendwie ein Licht auf, denn noch viel offenbarer kann eines nicht werden: dass ich sicher nicht aufgestanden bin, um auszusteigen – wir halten ja nicht einmal mehr. Irgendwann treffen ihre Augen die meinen und ihr Lächeln erstrahlt hell und weit. Mir zittern sofort die Knie und ich beginne, meinen Blick zu senken. Während ich dies tue, stolpert meine Angst über einen Fuß meiner Frechheit und denke ich mir: „Hallo, hallo, was soll das denn jetzt? Da schaut und lächelt sie Dich tatsächlich an und Du tust nichts anderes, als den Blick zu senken und zu Boden zu gucken wie ein begossener Pudel?“ Daher wandern meine Augen in der dritten Nanosekunde dieses Augenblickes wieder aufwärts. Erst senkten sie sich ob der Wärme ihres Blickes. Nun finden sie ihn wieder. Das ist ein wirklich schöner Moment: Zwei Menschen, in Zärtlichkeit verbunden; zwei Menschen mit offenem Visier. Dann zieht der Moment vorüber und ist vorbei. „Also, wenn Du jetzt nicht noch irgendwas Sinnvolles machst, hau ich Dir eine rein, mein Lieber, nicht nur der Angst“, raunt meine Frechheit mir ins Ohr. Und ich erkenne: Sie hat recht. Ich beschreibe ein kleines Stück Papier. Sinngemäß mit „Ich würde mich freuen, Dich einmal wiederzusehen“ und meiner Telefonnummer. Und bevor wir über den Rhein fahren, berühre ich sie an der Schulter, lächele und halte ihr meinen Zettel hin. Sie nimmt ihn, lächelt, sagt danke. Ich lächele und sage: „Einen schönen Abend noch.“ Dann ist der Traum vorbei und erwache ich im Nieselregen in Mainz.

Zwei

Ich sitze in der S-Bahn und höre Musik. Auch alle anderen sind beschäftigt. Jeder mit sich. Ich träume vor mich hin. Mein Fuß wippt zur Musik. Und ich erschrecke, als ich wahrnehme, dass alle anderen plötzlich synchron erschrocken sind. Das sind sie, weil eine Fahrkartenkontrolle durchgeführt wird. Und, zuck, sind alle plötzlich wieder im Hier und Jetzt. „Beam me down, Scotty“, haben ihre Seelen, die allesamt irgendwo waren, nur nicht hier, rasch nach Hause gefunkt. Und ich sehe die Menschen wie Blitze in ihre Körper zurückfahren: Zuck, zack und peng! Nun bin ich nicht mehr allein. Wir aber auch nicht, denn die Kontrolleure schreiten die Reihen entlang. Ich habe eine Karte. In meiner Reihe hat jeder eine. Und so zieht die Bedrohung vorbei. Ereilt jedoch einige Reihen weiter jemand anderen: Eine junge Frau. Sie ist vielleicht zwanzig. Gut gekleidet, gut frisiert, schick und schön. Jugendlich, frei und doch elegant. Sie hat keine Fahrkarte. Hat gerade ein Praktikum in Frankfurt begonnen. Es täte ihr leid. Sie spricht lange mit den Kontrolleuren, lässt sich die Regeln und Sanktionen erklären, fragt interessiert nach. Nie entgleist auch nur ein Muskel in ihrem Gesicht. Klug und selbstsicher wirkt sie, bis zum Schluss. Das ist der Moment, wo sie mit einem 50-Euro-Schein ihre Strafe abträgt, lächelt und sich bedankt. Nicht nur ob des Wechselgeldes. Auch für die Freundlichkeit der Obrigen und deren hilfreiche Information. Mir ist vollkommen unklar, wie man in so einer Situation derart souverän bleiben und die Contenance wahren kann. Doch sie vermag es. Lächelt, sieht gut aus und strahlt wie ein heller Mond in warmer Sommernacht. Die Kontrolleure steigen aus. Der Spuk ist vorbei. Rundum sehe ich es in den Gesichtern: „Beam me wieder up, Scotty!“, wird allerorten gefunkt. Und einer nach dem anderen verlässt wieder den Zug. Ich entscheide mich, noch zu bleiben. Zum einen muss ich gleich aussteigen. Zum anderen interessiert mich die junge Frau. Nachdenklich betrachte ich sie. Ich bedauere ihr Malheur, es tut mir regelrecht leid. Wäre es nach 19 Uhr gewesen, hätte ich behauptet, sie führe auf meiner Karte mit. Aber es ist erst gegen Sechs. Wenige Minuten später habe ich das Gefühl, nun sind wir allein: Sie und ich. Emotional anwesend. Jetzt, hier, im Zug. Die anderen sind wieder fort. Und da geschieht es: Ihr Gesicht rührt sich nicht, kein Muskel zuckt. Doch in ihr strahlendes und wirklich anziehendes Lächeln schleicht sich Salzwasser hinein. Über beide Wangen beginnen ihr die Tränen zu laufen. Und ich bin völlig perplex ob dieses Risses in ihrem Habitus. Und in meiner Realität. Vor allem aber bin ich berührt. Sie lächelt und weint. Und niemand bemerkt es. Außer mir. Da kommt das andere Wasser. Der Rhein. Ich muss gehen. Hinfort, raus. Ich laufe zur Tür. Und stehe nun nur noch einen halben Meter neben ihr. Behutsam wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelt dabei. Ein Finger links, ein anderer rechts. Ich muss irgendetwas tun! Irgendetwas muss ich doch tun können… „Ich würde Dich gern in den Arm nehmen“? Nein, das geht nicht. Auf gar keinen Fall. Selbst, wenn ich es ehrlich meine: Zwischen Männern und Frauen ist diese Frequenz meist von Ängsten gestört. In ca. 30 Sekunden wird der Zug halten. Was nun? Was nur, verdammt? Da zuckt es. Vom Herz bis ins Hirn. Meine Liebe schließt mit meiner Feigheit einen Kompromiss. Und meine Frechheit grinst sich eins. Nun weiß ich, was das Richtige ist. Rasch zücke ich mein Portemonnaie und entnehme ihm den Taschenkalender einer Drogeriemarktkette. Auf seiner einen Seite bildet er die Tage des Jahres ab. Auf der anderen steht ein Goethewort: „Die Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.“ Neben diesem ist ein echtes, ein grünes und pflanzenes vierblättriges Kleeblatt aufgeklebt und laminiert. Ich reiche ihr den Kalender, lächele und sage: „Vielleicht hilft das beim nächsten Mal. Viel Glück.“ Dann ist der Traum vorbei. Zum Glück regnet es heute nicht.

Drei

Mein Lokalbahnhof in Mainz. Kurz nach acht. Ich stehe auf dem Bahnsteig und erwarte den Zug. Bin achtsam und schaue mich um. Da fällt es mir auf. Und selbst mir fällt es nur auf, weil mir jemand dabei hilft: Alle, wirklich alle Menschen um mich herum sind in grau, schwarz oder dunkelblau gekleidet. Ab und an mal einmal weinroter Schal oder ähnliches. Das dann aber nur sehr dezent und in Summe kaum wahrnehmbar. Was ich assoziiere, ist ein heimliches Heerestreffen kurz vor dem Aufbruch in die Schlacht. Und zwischen all diesen Menschen: Eine junge Frau mit regenbogenfarbener Mütze und regenbogenfarbenen Handschuhen. Dazu eine zweifarbige Jacke und ein Lächeln, gesäumt von einem müden Blick. Ich schaue links, ich schaue rechts, ich schaue erneut. Doch nein, weder bin ich betrunken noch bilde ich mir alles nur ein: 150 Leute oder mehr. Und alle auf diese sehr spezielle Art „uniformiert“. Keine Individualität mehr sichtbar, nirgends – nur bei ihr. Nun ziehe auch ich meine regenbogenfarbenen Handschuhe an. Ich mag sie nicht alleine lassen, hier im Feindesland: Denn wenn die Grauen irgendwann bemerken, dass sich eine Spionin hinter ihre Reihen geschlichen hat, könnte es übel werden. Also mache auch ich mich ein wenig bunt. Nun auch sichtbar. Und stelle plötzlich fest, wie die Sonne mir warm um die Nase streicht. Ich muss lächeln und freue mich, dass dieser Morgen beginnt, wie er es tut. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und diesem tut er es auf jeden Fall. Ich steige in die S-Bahn. Und sitze alsbald gar nicht weit von ihr entfernt. Ich habe immer noch gute Laune und sehe selbst in der S-Bahn nur graublauschwarz und dazwischen sie. Ich muss lachen. Und da entscheide ich mich, dass meine Gefühle zum Leben und Ausleben da sind – und tue wieder etwas „schlicht aus dem Bauch“: Ich reiße ein Stück Papier aus meinem Bündel Sitzungsunterlagen und beschreibe es. Als ein Platz in ihrer Vierer-Zelle frei wird, ergattere ich ihn. Setze mich ihr gegenüber, während sie aus dem Fenster sieht. Berühre, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, eine hundertstel Sekunde lang ihr Knie. Lächele. Und reiche ihr mein zusammengefaltetes grünes Stück Papier. Über ihr Gesicht huschen Verwunderung, Irritation, Ärger und Angst. Dann nimmt sie den Zettel aus meiner Hand. Ich warte noch wenige Sekunden, dann stehe ich auf. Wenn ich jetzt bliebe, würden wir ins Gespräch kommen. Und dann müsste ich wieder erleben, wie Angst, Frechheit und Liebe in mir rängen. Vor allem aber würde ich in ein Dilemma geraten. Denn: Selbstverständlich würde ich mit ihr, die mich so berührt hat, auch gern einen Kaffee trinken gehen. Darum aber geht es hier nicht. Und soll es nicht gehen. Deshalb stehe ich behutsam auf, steige, die Bahn hat soeben gehalten, rasch aus und einen Wagen weiter wieder ein. Derweil wird sie wohl meinen Zettel lesen: „Du hast mir gerade den Tag verschönt. Auf dem Bahnsteig eben standen rund 150 Leute. Alle: grau, blau, schwarz. Nur Du: bunt. Schön. Und macht gute Laune. Ich danke Dir.“ Kein Name, keine Nummer, kein Wollen. Nur ich. Als Geschenk für jemand anderen. Während ich dieses Erleben in Gedanken notiere, genieße ich im neuen Wagen bereits wieder die Sonne sowie Musik in meinem Ohr. Gelegentlich hüpft mein Herz zu ihr im Takt. Es hat gute Laune, glaube ich. Denn: Die Welt ist bunt. Zumindest, wenn man genauer hinsieht…

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