Geschichten...

Augenblicke


„Ich bin ein Clown […] und sammle Augenblicke.“
Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns

Ich sage ihr, der Ort, an dem wir uns befinden, sei mir suspekt. Sie erwidert, ja, der Ort sei wirklich … unwahrscheinlich. Es gäbe ihrer Meinung nach hier kaum normale Menschen und sei zudem organisiert wie ein Basar für Wohnungssuchende: „Geduldiger Türklinkensaubermacher, Räumelüfter und Teppichsauger sucht gemütliche Wohnfläche mit Parkett, Fenster im Bad und Garten. Lieber Wohnungssucher, es interessieren sich eine Villa und zwei Bruchbuden für Sie!“ Umso froher sei sie, endlich doch noch einem Clown begegnet zu sein.

Sie schreibt, sie schriebe jetzt noch jedem ihrer Schüler einen Weihnachtsgruß auf die Arbeit. Ich frage zurück, welche Art Lehrerin sie denn sei, dass sie Schüler unterrichte, die erwerbstätig seien. Und was die Schüler so arbeiteten, wie alt sie wären. Einige Zeit später, ich spaziere gerade durch die Stadt, muss ich lachen; und viele Kilometer entfernt lacht sie, etwa zugleich, wohl mit mir mit – ob unseres morgendlich-clownesken „Auf-die-Arbeit-schreiben“-Missverstehens.

Ich schreibe, ich ginge jetzt mit Böll spazieren und widmete mich dann den Ansichten eines Clowns in meinem Lieblingscafé. Sie erwidert, Böll sei ein schöner Name und sicher sehr sympathisch; fragt, welche meiner Ansichten es denn seien, mit denen ich an einem Samstag im Café schwanger ginge. Am Abend lachen wir gemeinsam ob unserer auch diesmorgendlichen „Syntaxdiffusion“; nachts träume ich dann von helltönendem Schäferhundgeböll und, wer weiß, liest sie vielleicht von Hans Schnier.

Ich erzähle ihm, dass ich jemanden verloren habe, der mir viel bedeutet hat. Berichte, wie ich Wut, Trauer und Ohnmacht durchlitt, als ich erfuhr, dass sie alsbald einen anderen heiraten wird; etwas, von dem ich nicht nur um meinet-, sondern vor allem ihretwillen der Meinung bin, dass es ein großer Fehler sein wird. Berichte, wie ich ihr dies noch sagte, bevor ich ging; und ihr abschließend bedeutete, wie sehr ich doch hoffte, ich irrte mich – weil ich ihr von Herzen wünschte und wünsche, dass sie glücklich wird. Er schaut mich an und fragt: „Wissen Sie, was das ist, mein Herr?“ Ich erwidere: „Was was ist? Ich verstehe nicht.“ Und er antwortet: „Das ist Liebe, junger Mann: Einen geschätzten Menschen ziehen lassen und ihm aufrichtig wünschen, dass er mit einem anderen glücklich wird.“ Meine Träne verwischt die Schminke in meinem Gesicht.

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