Gedichte...

Ein und dasselbe


Ich frage mich
was für Gefühle das sind

Das eine:
Dir zuhören, Dich ansehen und Deinen Gesten folgen
während Du von Deinem Alltag berichtest, Dich zeigst
Deine Stärken und Schwächen erhellst
Windmühlen belächelst und tief ins Nähkästchen greifst –
und aufblühen
Grübchen auf den Wangen
und wohlige Wärme in der Brust spüren
hierbei

Das andere:
Im Café sitzen, schreiben, sinnieren, nach Worten suchen
und die Revue passieren lassen
damit man sie, den Stift in der Hand, noch einmal fühlt
Dann plötzlich: Wissen und verstehen
dass das, was da in mir ist und wärmt
das meine ist, gar nicht Deins, nicht von Dir
ich Dich nicht fühlen oder mögen könnt
wenn das, was ich da fühlte oder möchte
mir selbst nur fremd und äußerlich wär –
und aufblühen
bunter, wilder Garten oder Heideland werden wollen
hierbei
anders als und doch ähnlich wie Du

Ich frage mich
was für ein Gefühl das ist –
und warum man manchmal so weit gehen muss
um nach Hause zu kommen

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Gedichte...

Zärtlichkeit


      Hommage an Arnon Grünberg und sein Gedicht „Es gibt noch

Menschen berühren und wahrnehmen wollen
Ihnen die Hand geben
auf Augenhöhe begegnen und in die Augen sehen
Gesundheit wünschen wenn jemand Fremdes in der S-Bahn niest
Sich zeigen und nahbar sein
Den Obdachlosen für den man kein Kleingeld mehr hat
zumindest ansehen ihm Hallo sagen und mit Würde begegnen
Das Kind als kleinen nicht halben Menschen betrachten
es ernst nehmen so wie es ist und weil es ist
Zuhören und mitfühlen wo es zuzuhören und mitzufühlen gilt
Lächeln
Im Bus weinen wenn einem nach Weinen ist
und in der Fußgängerzone tanzen und singen einfach nur so

Das eine Gedicht noch schreiben
Dem Mädchen noch sagen dass ich es mag
Es immer und allen sagen, bedeuten – auf der Stelle, ab sofort
Lieben – so als ob es kein Morgen gäbe
weil es das Morgen nicht mehr gibt und niemals gab;
ein Mal nur, einmal noch

Das hat ihn schließlich überzeugt
Er hat
sich eine Zigarette gedreht
sie entzündet inhaliert genickt
eine Zeitlang grübelnd einen Punkt an der Decke fixiert
sich Notizen gemacht
und mir beim Gehen
auf die Schulter geklopft
und gesagt
er käme in 5 Jahren
noch einmal vorbei

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Geschichten...

Zwei-Tage-Buch


Donnerstag

Heute Abend hatte ich so was Ähnliches wie Sex. Wobei „Kuscheln und dabei verdroschen werden“ eigentlich die bessere Umschreibung ist. Die Frau heißt Fon und ist, wenn ich richtig verstanden habe, 4 Jahre älter als ich. Sie ist klein und grazil, könnte mir aber wohl mit einem Handkantenschlag den Rücken brechen; und ich glaube, gelegentlich hat sie das auch schon versucht, nur eben noch un-bestimmt, ohne wirkliche (welch schönes Wort) Brech-Intention. Wir kennen uns etwa 2 Jahre und ich bin immer fix und fertig, nachdem wir uns gesehen haben. Seit Neuestem legt sie mich immer auf sich rauf, hebt mich dann mit ihren Knien hoch und wirbelt mich in der Luft rum. Ich bin sehr froh, dass meine Achterbahnunverträglichkeitsthematik erst ab ca. 3 Metern Höhe einsetzt, sonst würde das zu größeren Problemen führen. So macht’s nur ab und an knack irgendwo und bin ich etwas nervös und verschämt. Das bin ich auch, wenn dann bei einer anderen Sache mein Hinterkopf zwischen ihren Brüsten ruht. Ehrlich gesagt, beschämt mich das sogar sehr; aber als ich ihn, den Kopf, meine ich, heute entgegenkommenderweise abzuheben versuchte, fand sie das gar nicht gut. Ich glaube, sie mag mich. Ich glaube nicht, dass sie „sowas“ mit jedem macht. Das macht mich nervös. Ich weiß gar nicht, warum. Fon kommt aus Thailand. Da ist es so heiß, dass es keine Schokolade gibt. Ich habe ihr daher heute einen Schokoweihnachtsmann zum Abschied geschenkt. Das hat sie riesig gefreut. Nun überlege ich, ihr nächstes Jahr zu Weihnachten noch eine Tupperdose zu schenken. Dann kann sie den – oder vielleicht einen anderen – Weihnachtsmann mit nach Thailand nehmen. Dann gibt es da auch Schokolade. Man muss nur wissen, wie…! Nachdem ich bei Fon war, bin ich noch bei meinem Fastfooddealer eingekehrt. Der hat mir einfach grundlos einen Tee ausgegeben. Ich glaube, der mag mich auch. Puuh… Meine Mutter würde sagen: „Jens, die wollen alle nur Dein Bestes… (betretenes Schweigen; immer noch; ja, es iiist ein langes Schweigen, kann ich ja nix für)…: Dein Geld!“ Zum Glück habe ich nicht den Humor meiner Mutter geerbt. Sie hat nämlich keinen. Jetzt frage ich mich allerdings, wieso mein Schreibprogramm aus Tupperdose Tuberkulose macht. …der Schokoladenweihnachtsmann nach 3 Tagen Thailand? Oder der Tee beim Fastfooddealer, den er mir nur wegen seines schlechten Gewissens in Bezug auf… Igitt! Nein, das muss ich gar nicht wissen; und ich will auch nicht mehr alles verstehen. Verstehe das, wer will.

Freitag

Ich denke seit Tagen darüber nach, komme aber zu keinem rechten Schluss. Ein wenig beruhigt mich das Rilke-Wort, in dem es heißt, wenn man nur die Fragen liebte und nicht vergäße, lebte man eines fernen Tages, ohne dies zu merken, auch in ihre Antworten hinein. Doch helfen, wirklich helfen, tut mir dies nicht. Ich bin einsam und frage mich unter anderem, warum so viele Leute in meinem Alter so grau im Gesicht sind, so endlos „alt“ wirken auf mich. Damit meine ich nicht nur die Ministerialen, wie ich sie in Landtagsausschüssen und -sitzungen sooft traf, und die aussahen, als würden sie sich, selbst erst Mitte dreißig, um eine Rolle als Grauer Herr bei Momo bewerben – einem, der die Sechzig weit hinter sich hat. Damit meine ich auch die ganz normalen Leute, die ein „geregeltes“ Leben leben, die arbeiten gehen, hiernach essen und schließlich ruhen, um dann erneut arbeiten zu gehen, hiernach zu essen und schließlich zu ruhen. Warum fühle ich mich in ihrer Gegenwart oft so kindlich-gelangweilt und deplatziert? Warum macht es mich traurig, auf meine Frage, was sie im Leben noch erträumen, sooft zu hören: „Arbeiten und dann in Pension“, „In zwei Jahren das größere Auto“ oder „Arbeiten und irgendwann eine nette Frau kennenlernen“? Traurig jedenfalls macht es mich. Auf eine Art, die ihrerseits niemand versteht. Denn, um es mit Hans Schnier zu sagen: „Diese Leute verstehen nichts. Sie wissen zwar alle, dass ein Clown melancholisch sein muss, um ein guter Clown zu sein, aber dass für ihn die Melancholie eine toternste Sache ist, darauf kommen sie nicht.“ Die Frage, die ich mir stelle, ist wohl jene von Erich Fried; sie lautet: „Was ist Leben?“. Meine Antwort hierauf fürs erste, für diesen Moment: Eben das, und oft nur das, was jenseits aller Zweckrationalität geschieht. Nur eben: Ist derlei Leben schon lang aus der Mode geraten. Und mit ihm so vieles, was dringend vonnöten wär – nicht nur für mich. Erich Fromm schreibt in „Die Kunst des Lebens“ dazu:
„Ich habe den Eindruck, dass in unserer Kultur nur noch wenig Zärtlichkeit zu finden ist. […] Ich behaupte nicht, dass wir nicht die Fähigkeit zur Zärtlichkeit besitzen, sondern nur, dass uns unsere Kultur den Mut zur Zärtlichkeit nimmt. Das liegt teilweise auch daran, dass unsere Kultur zweckorientiert ist. Alles hat seinen Zweck, alles zielt auf etwas Bestimmtes ab, das es zu erreichen gilt. Unser erster Impuls ist immer, etwas zu erreichen. Wir haben kaum noch ein Gefühl für den Lebensprozess selbst, ohne irgendetwas erreichen zu wollen, nur zu leben, nur zu essen oder zu trinken oder zu schlafen oder zu denken oder etwas zu fühlen oder zu sehen. Wenn das Leben keinen Zweck verfolgt, sind wir unsicher: Wozu ist es dann da? Auch die Zärtlichkeit verfolgt keinen Zweck. Sie hat nicht den psychologischen Zweck, Entspannung oder eine plötzliche Befriedigung zu bewirken wie die Sexualität. Die Zärtlichkeit hat keinen anderen Zweck, als sich an dem warmen, lustvollen, fürsorglichen Gefühl für einen anderen Menschen zu freuen. Deshalb scheuen wir die Zärtlichkeit.“
Zwar scheue ich sie nicht oder kaum, komme mir jedoch gelegentlich unbeholfen und eigenbrötlerisch mit ihr vor. Beispielsweise dann, wenn ich zuweilen den Ring, den ich am Daumen trage, oder eines der Fotos aus meinem Regal zärtlich streichele oder küsse, dabei diesem oder jenem gedenkend. Fast möchte ich mich schämen hierfür; tue es dann aber nicht.
Und wieder denke ich an Erich Fried. An das, was er in „Das Unmaß aller Dinge“ schreibt. Darin steht:
„Genau das ist der Grund, aus dem ich es immer schwerer finde, zu weinen aufzuhören. Nein, das stimmt gar nicht: Es ist nicht der Grund, aber es ist ein Grund, einer der Gründe. Wer glaubt, das Weinen eine Niederlage ist, der kann sich vielleicht nur nicht mehr daran erinnern, wie es ist, zu weinen aufzuhören, ehe es einem möglich ist, sich wirklich auszuweinen. Das ist die eigentliche Niederlage. […] Es wäre besser, nicht mehr aufhören zu müssen zu weinen. Es wäre ehrlicher und vielleicht auch weniger quälend. Sogar die Angst der andern, einen weinen zu sehen, ist nicht nur Mitleid, sondern auch Hilflosigkeit, Ratlosigkeit gegenüber jenem Rest von Freiheit, der sich da noch zeigt und störend wirkt, wie Freiheit heute schon fast immer.
Es gibt einen dummen und grimmig-lächerlichen Zustand, in dem die Intensität unseres Mitgefühls so viel von der Lebenskraft aufzehrt, daß wir nicht mehr imstande sind, für die, denen unser Mitgefühl gilt, etwas zu tun. Überhaupt scheint manchmal die in uns noch verbleibende Menschlichkeit unserer Lebenstüchtigkeit indirekt, also umgekehrt proportional zu sein. Dieses Verhältnis ist nicht unwichtig, wenn man das schließliche Gesamtergebnis annähernd zu erraten versuchen will.“
Ich glaube, er war auch ein Clown. Nur sehr viel älter und weiser als ich.

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Großer Gesang


Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph Freiherr von Eichendorff)

Er hat recht:
Es schläft ein Lied in allen Dingen
schläft auch
in mir

Und unrecht doch zugleich, denn:
Es sind viele Lieder
und manche davon
habe ich niemals zuvor erhört

Erst war ich traurig
ob der Tatsache
dass von meinen 1.000 Teilen
etwa 600 fehlten
nach dem letzten Sturz

Inzwischen
ändert die Perspektive sich
denn Deine inneren Lieder
erzeugen in mir Resonanz
bringen Dinge zum Vorschein und Schwingen
von denen ich nicht einmal ahnte
dass sie als Schätze
in mir vergraben sind

Eine kleine Melodie
ist da bereits
mit neuem Puls
und viel wärmerem Takt als zuvor
kein Lied noch nicht, nein
erst recht kein großer Gesang

und dennoch
nein eben drum
will ich fortan
nur noch unter Singenden sein
denn meine Schätze finden
Gesang werden
das kann ich
nicht ohne Resonanz
vermag ich
nicht allein

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Augenblicke


„Ich bin ein Clown […] und sammle Augenblicke.“
Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns

Ich sage ihr, der Ort, an dem wir uns befinden, sei mir suspekt. Sie erwidert, ja, der Ort sei wirklich … unwahrscheinlich. Es gäbe ihrer Meinung nach hier kaum normale Menschen und sei zudem organisiert wie ein Basar für Wohnungssuchende: „Geduldiger Türklinkensaubermacher, Räumelüfter und Teppichsauger sucht gemütliche Wohnfläche mit Parkett, Fenster im Bad und Garten. Lieber Wohnungssucher, es interessieren sich eine Villa und zwei Bruchbuden für Sie!“ Umso froher sei sie, endlich doch noch einem Clown begegnet zu sein.

Sie schreibt, sie schriebe jetzt noch jedem ihrer Schüler einen Weihnachtsgruß auf die Arbeit. Ich frage zurück, welche Art Lehrerin sie denn sei, dass sie Schüler unterrichte, die erwerbstätig seien. Und was die Schüler so arbeiteten, wie alt sie wären. Einige Zeit später, ich spaziere gerade durch die Stadt, muss ich lachen; und viele Kilometer entfernt lacht sie, etwa zugleich, wohl mit mir mit – ob unseres morgendlich-clownesken „Auf-die-Arbeit-schreiben“-Missverstehens.

Ich schreibe, ich ginge jetzt mit Böll spazieren und widmete mich dann den Ansichten eines Clowns in meinem Lieblingscafé. Sie erwidert, Böll sei ein schöner Name und sicher sehr sympathisch; fragt, welche meiner Ansichten es denn seien, mit denen ich an einem Samstag im Café schwanger ginge. Am Abend lachen wir gemeinsam ob unserer auch diesmorgendlichen „Syntaxdiffusion“; nachts träume ich dann von helltönendem Schäferhundgeböll und, wer weiß, liest sie vielleicht von Hans Schnier.

Ich erzähle ihm, dass ich jemanden verloren habe, der mir viel bedeutet hat. Berichte, wie ich Wut, Trauer und Ohnmacht durchlitt, als ich erfuhr, dass sie alsbald einen anderen heiraten wird; etwas, von dem ich nicht nur um meinet-, sondern vor allem ihretwillen der Meinung bin, dass es ein großer Fehler sein wird. Berichte, wie ich ihr dies noch sagte, bevor ich ging; und ihr abschließend bedeutete, wie sehr ich doch hoffte, ich irrte mich – weil ich ihr von Herzen wünschte und wünsche, dass sie glücklich wird. Er schaut mich an und fragt: „Wissen Sie, was das ist, mein Herr?“ Ich erwidere: „Was was ist? Ich verstehe nicht.“ Und er antwortet: „Das ist Liebe, junger Mann: Einen geschätzten Menschen ziehen lassen und ihm aufrichtig wünschen, dass er mit einem anderen glücklich wird.“ Meine Träne verwischt die Schminke in meinem Gesicht.

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Inkognito


für Eva-Maria und Esther

Wir
haben alles ausdiskutiert
fein säuberlich
mit dem Verstand

haben uns
stets in der Mitte getroffen
unser Leben
auf dem Reißbrett entworfen, gelebt

haben selten gestritten
füreinander fast alles getan
auch uns verbogen
uns selbst nicht gelebt

haben jeweils den andern
verstehend gefühlt
uns nur unter Vorwänden, entschuldigend
einmal von ihm entfernt, distanziert

haben einander kaum je resolut kritisiert
selten nur eigene Bedürfnisse artikuliert
wenn aber einmal
diese dann nicht
erst recht nicht gegen den anderen
auch wirklich durchgesetzt und gelebt

haben es recht machen wollen
dem anderen, nicht uns
vermieden das Nein! zwischen uns
weil wir dachten
dies bedeute das Nein!
auch fürs Uns

haben einander nie souverän Paroli geboten
nie mit Konter und persönlichen Grenzen beschenkt
und verloren hierdurch
mehr und mehr
die letzte Distanz und eigne Kontur

haben unsere Positionen
und unseren sicheren Stand im Leben
aneinander verloren
und nannten das „gerecht“
den immer wieder einmal notwendigen
„fairen Kompromiss“

haben uns enger und enger verbunden
und dachten
dies sei Zeichen unseres Ja!s füreinander
konnten nicht sehen oder verstehen
(und gefühlt hatten wir uns selbst ja schon lange nicht mehr)
dass der Sog zueinander
das Resultat immer tieferer Einsamkeit in- und miteinander
und diese wiederum das Resultat
unseres jeweiligen, anwachsenden Nein!s zu uns selbst
war und stets ist

Wir nannten all das LIEBE
(das schrieben wir groß)
und auf dem Reißbrett unserer Ehe stand:
„Ja, richtig –
so wird’s gemacht!“

Wir nannten all das LIEBE
und hatten uns
ein jeder sich selpst
(wir wussten nicht, wie man das schreibt)
doch niemals gespürt

Wir nannten all das LIEBE
und ich weiß erst jetzt
nachdem das Reißbrett zerbrach
alle „Pläne“ endeten
und ich Dich schließlich verlor
nachdem ich mich selbpst
(auch heute übe ich noch an diesem Wort)
und unter all dem Geröll
hinter so viel Ratio, Vernunft und Verstand
auch mein Fühlen
wiederfinden musste
und schließlich wiederfand:

So wenig von alldem
war LIEBE
und so viel
war: ANGST

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