Seelisches...

Versuch über Angst und Depression


„Wir haben viele Zweifel, ob es richtig ist, den Weg zu uns einzuschlagen, denn im Grunde fürchten wir uns vor uns selbst. In diesem Dilemma scheint es hilfreich, sich einen Satz meines Lehrtherapeuten Sylvester Walch zu vergegenwärtigen: ‚Unsere Gefühle können uns nicht umbringen, höchstens das, was wir gegen sie unternehmen.‘ Gemeint sind alle Mechanismen, die dazu beitragen, dass wir nicht spüren, was wir fühlen und nicht merken, was wir brauchen.“

Bärbel Wardetzki: Weiblicher Narzissmus, S. 221

„Nur wer sich der Einstellung öffnet, dass Not und Leiden ein Weg zur Heilung sind, den wird auch in Zeiten der Verzweiflung die Zuversicht nicht verlassen.“

Robin Norwood

Ich glaube: Angst und Depression sind dasselbe. Hinter bzw. „neben“ dem einen steht stets das andere.

Und beides, Angst wie Depression, sind logische Resultate aus einem „Leben im Überlebensmodus“, einem Leben in ständiger, unbewusster, alter, dunkler Angst und latenter Depression. Aus einem Leben voller Angstvermeidungsstrategien sowie dem Gefühl eigener Wertlosigkeit und ständigen Schuldigseins als Folgen unserer Kindheit voller Angst und Depression: Immer alles richtig machen und/oder nie jemanden verletzen, niemals wütend oder „böse“ sein dürfen, sich für alles verantwortlich fühlen, sich aus Angst vor Zurückweisung und Kritik in seiner Persönlichkeit verbiegen „müssen“ etc. pp. – all das richtet sich wider die eigene Seele und kostet von Tag zu Tag mehr Kraft. Nicht nur, aber auch: Weil Leben nur dann zu kräftigen und nähren vermag, wenn man es für sich und um seiner selbst willen lebt. Und aber auch: Weil Angst, wo man ihr ausweicht, immer mehr wächst und wuchert, immer größer, höher und breiter, immer wirkmächtiger wird.

Insofern führen die Erfahrungen unserer Kindheit, führt unsere Erfahrung von Angst und Depression, schließlich folgelogisch zu einem: Einer zunehmenden Erschöpfung am Leben, einer Art tödlicher Müdigkeit, einem Immer-müder-und-müder-Werden ob eines Lebens, das nicht seiner und unserer selbst willen, sondern für andere und zum Zwecke der Angstvermeidung gelebt wurde und wird. Und diese aus permanenter, andauernder Überforderung resultierende Erschöpfung führt schließlich wieder bzw. erneut in Angst und Depression, konfrontiert uns noch einmal – diesmal jedoch als „Chance“ – mit dem „Leiden“ unserer Kindheit, denn: Wer nie erfüllbare Ansprüche und Erwartungen an sich stellt, weil er alle Schuld für die seelischen Misshandlungen von einst auf sich nahm und sich deshalb auch heute noch für alles und jedes verantwortlich und schuldig fühlt; wer, um seine Eltern, deren Verhalten ihm schadete, die ihm Liebe, Achtung, Wertschätzung, Sicherheit und Geborgenheit vorenthielten, weiter lieben zu können, sich selbst abzuwerten und zu hassen begann, da, so die kindliche Logik, wo diese unfehlbar waren, nur er selbst „falsch“ und minderwertig sein konnte; wer, um seiner „Todesangst“ in jungen Jahren zu begegnen, lernte und verinnerlichte, dass nur Anpassung und Selbstnegation diese zu lindern vermögen, für den werden mit den Jahren, die er in derlei „Mustern“ lebt, selbst kleine Aufgaben mehr und mehr zu großen Herausforderungen, an denen er mit zunehmender Kraftlosigkeit schließlich zu zerbrechen droht.

So hat das „Erbe“ unserer frühen Lebensphase, die aus Angst und Depression bestand, uns in Muster gezwungen, die uns als Kindern zwar das Leben retteten, die uns heute jedoch umzubringen vermögen; Muster aus permanenter Selbstüberforderung, aus Die-anderen-sind-wichtiger-als-Ich, aus An-allem-schuldig-und-für-alles-verantwortlich-Sein – Muster (eigentlich) wider die Angst und Depression…

Nicht, um uns in den Tod zu treiben, sondern, um uns vor diesem zu bewahren, tut die Seele schließlich das einzige, was sie zu tun vermag: Sie zwingt uns mittels (erneuter) Angst und/oder Depression in die eigenen vier Wände, ins eigene Bett, ins „Private“, ja, „in uns selbst zurück“, zwingt uns, uns endlich „mit uns“ zu beschäftigen – und lenkt unser Augenmerk auf das, womit wir selbst die ganze Zeit über dabei sind, uns immer mehr zu töten: Auf all die alten Muster, deren Wirken nun so übermächtig wird, dass die Aufgabe, die das Leben uns mittels der hieraus resultierenden Symptome jetzt zubrüllt und nicht mehr nur, wie seit so vielen Jahren bereits, zuflüstert, eigentlich hörbar geworden sein sollte: „Lebe endlich DICH SELBST! Erforsche Deine Angst und erkenne hinter ihr Deine Depression; erforsche Deine Depression und erkenne hinter ihr all Deine (alte) Angst – gib Dir selbst einen Wert, sonst wirst Du sterben … und auch ich vermag Dich nicht zu schützen hiervor. Diese Aufgabe, dieses Sich-selbst-einen-Wert-geben-und-sich-endlich-selbst-der-Maßstab-des-eigenen-Handelns-zu-Sein zu meistern, das vermagst nur Du ganz allein; und hierzu ‚schenke‘ ich Dir nun einen derart klaren und deutlichen Blick auf Dein ‚Leiden‘, dass Du hinter diesem vielleicht (endlich) die Zusammenhänge, die Du zur Lösung Deiner Aufgabe kennen musst, zu erkennen vermagst.“

Ja, unsere Seele sagt uns mit unserer Angst und Depressivität, die beide gern in Suizidgedanken umschlagen, eben nicht, dass wir aufgeben oder uns gar töten, sondern, dass wir aufhören sollen, uns aus (falsch verstandener) Liebe zu unseren Eltern, deren Verhalten uns schadete, derart zu hassen und deshalb zu verbiegen, dass wir selbst es sind, die uns im Hier und Heute täglich ein weiteres Stück umbringen, während unser eigenes Leben vor der Tür steht und nur darauf wartet, dass wir ihm diese endlich öffenen, auf es zugehen und seine Geschenke zu empfangen und anzunehmen bereit sind. Hinter unseren „Symptomen“, denn nichts anderes sind unsere Ängste und Depressionen, steht insofern nur die eine Aufforderung an uns: Lebe!, befreie Dich und lebe – für Dich ganz allein, für Deine Werte, für Deine Träume und Utopien; und nicht mehr nur ob und in der alten Schuld, die Du auf Dich nahmst, obwohl sie nie die Deine war!

Weiterführendes:

Manfred Spitzer (Video): Kindheitstrauma
Josef Giger-Bütler (Buch): »Sie haben es doch gut gemeint«: Depression und Familie
Josef Giger-Bütler (Buch): »Endlich frei«: Schritte aus der Depression

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s