Seelisches...

Sublimierung


Dunkler Grund
(Eva Strittmatter)

Immer von neuem entsteht die Frage:
Was sollen wir tun?
Es gibt täuschende Tage,
Da scheinen wir in uns, gesichert, zu ruhn.
Wir kennen den Weg und wissen die Wahrheit.
Und die Erde ist ein für allemal rund.
Doch hinter der scheinbar äußersten Klarheit
gibt es noch einen dunkleren Grund.
Und Zweifel sind möglich und finden uns wieder,
wenn wir endlich mit uns im reineren waren.
Und so kann es geschehn: unsre süßesten Lieder
sind gepreßt aus unseren bittersten Jahren.

Den meisten von uns ist in ihrer Kindheit Unrecht widerfahren. Körperliche Gewalt ist nur eine der vielen Facetten hiervon. Eine andere Maske derlei Unrechts ist jene der emotionalen Gewalt.
Diese findet man überall dort, wo Kinder nicht sowohl bedingungslos geliebt als auch und zugleich mit gesunden Grenzen ausgestattet werden. Bspw. handelt es sich um emotionale Gewalt, wenn Eltern emotional nicht verfügbar sind oder wenn sie ihre Kinder nicht ob ihres So-Seins, sondern ob ihrer Leistungen, ihrer Anpassungsbereitschaft, ihrer Friedfertigkeit, ihrer Unkompliziertheit etc. „lieben“ – wo Liebe also an Bedingungen geknüpft ist und das Kind bei Nichterfüllung derselben mit Mißachtung, Verlustangst, Abwertung oder Drohungen bestraft wird.
So lapidar das vielleicht klingt, es ist alles andere als das. Denn wer als Kind hören musste: „Wegen Dir geht es Vater immer so schlecht!“, „Wenn Du weiter so anstrengend bist, kommst Du ins Heim!“ oder, wenn bspw. einmal das Knie blutete, „Tja, selber schuld, vorhin hast Du zu Mutti nicht danke gesagt und kleine Sünden bestraft der liebe Gott halt sogleich!“, der oder die bekommt von seinen ersten und wichtigsten Bezugspersonen eine Last überantwortet, die für ein Kind schier nicht zu tragen ist.
Um sie dennoch tragen und mit der Angst, die eigenen Eltern könnten einen verlassen, die für Kinder nichts anderes als Todesangst ist, umgehen zu können, haben solche Kinder nur eine „Wahl“: Aus bedingungsloser Liebe zu ihren Eltern, die für sie noch Götter sind, identifizieren sie sich mit diesen und ihren Abwertungen wider die eigene Person. Die Devise lautet: „Da ich ohne Mutter und Vater sterben werde, und ich sie liebe wie auch sie mich lieben, muss, wenn sie mich so behandeln, mir also Liebe vorenthalten, ich falsch und nicht in Ordnung sein – die mir entgegengebrachte Mißachtung ist meine Schuld, denn ich bin falsch, so, wie ich bin.“ So kann man überleben und den Eltern verbunden bleiben. Tief in der Seele sitzt diese Lüge, jene von der eigenen Minderwertigkeit, jedoch fest – und treibt dort ihr Unwesen.
Solche Kinder suchen später Macht und Einfluss, um das Gefühl, nicht richtig zu sein, kompensieren und überdecken zu können. Oder sie verlieren sich in Depressivität.
Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass, wer am einen oder anderen, (falscher) Grandiosität oder (ebenso falscher) Minderwertigkeit, leidet, viele Wege zur eigenen Heilung beschreiten kann, dass jedoch nur einer hiervon wirklich sein Ziel erreicht. Und das ist jener, sich dem Schmerz der eigenen Vergangenheit zuzuwenden und ihn erneut, nun jedoch mit aktualisierter Lesart, zu durchleben – das heißt auch: all die Angst und Verzweiflung und Verlassenheit von damals heute zu akzeptieren und anzunehmen: als nicht mehr änderbares, aber reales Unrecht, das einem widerfuhr. Und aber auch: All die Wut und den Haß auf die Bezugspersonen, die einem antaten, wozu sie niemals im Recht gewesen sind. Solange wir diesem Schmerz und auch unserer Wut ausweichen, werden wir nie ganze Menschen sein, denn es fehlen die Einsicht in die eigene Endlichkeit und Ohnmacht, die eigene Hilflosigkeit als Bestandteil des Lebens – wie auch die Wut und die Aggression, die notwendig sind, sich im Alltag gegen Übergriffe und Gewalt durch dritte zu behaupten.
Wer seine Angst und seinen Schmerz, sein eigenes „Opfersein“, verdrängt, wird anderen immer wieder Leid zufügen und also zum Täter werden. Denn er fühlt sich selbst in dieser Dimension ja gar nicht und ist noch positiv mit dem Unrecht von damals identifiziert; er meint bspw. „Wenn Vater mich schlug, hatte ich es auch verdient; und überhaupt: er meinte es ja nur gut mit mir!“. Wer seine Wut und seinen Haß verdrängt, weil er seine Eltern nach wie vor als Götter ansieht, oder meint, die eigenen Eltern dürfe man nicht hassen, der wird auf vielen Ebenen des alltäglichen Lebens „wehrlos“ sein und diese Aggressionen gegen die Täter der eigenen Kindheit sein Leben lang gegen sich selbst richten müssen. Solche Auto-Aggression führt dann über kurz oder lang zu einem: Depressivität. Diesen Knoten kann man, will ich meinen, nur zerschlagen, wenn man anerkennt: „Ich bin Leben – und um leben zu können, muss ich mich bedingungslos verteidigen.“
Um es auf die Spitze zu treiben: Wo mich meine Eltern in meiner Existenz bedrohen, darf ich nicht nur wütend sein, sie hassen – ja, ich dürfte, „müsste“ sie in Notwehr sogar töten: um selbst leben und überleben zu können, mein Leben zu schützen, das für mich selbst das höchste und letzte aller möglichen Güter darstellt. Was sonst sollten gefolterte, sexuell missbrauchte oder emotional gebrochene, vernachlässigte, bedrohte Kinder auch anderes tun, um ihr bedingungsloses Recht auf Leben und Gewaltfreiheit schlimmstenfalls auch zu behaupten? Nur, da sie dies als Kind nicht tun konnten, weil diese Gefühle mit Todesangst belegt waren und im Keller verschlossen worden sind, müssen sie es heute tun, um gesund zu werden: Nachholen, was ein halbes oder ganzes Leben lang „verboten“ war – Wut und Haß auf die eigenen „Götter“ zulassen und spüren, auch durch diese hindurchgehen und sie als Teile unser aller Lebens akzeptieren – als Teile, die uns als Erwachsene dazu befähigen, wirklich zu leben, uns zu wehren, reale Gefahren auch als solche zu erkennen sowie als auch: In existentieller Gefahr zu fressen statt gefressen zu werden, zu töten statt getötet zu werden. Dies zu tun, ist nicht nur „Option“, sondern Verpflichtung eines Lebens, das sich selbst auch wertschätzt und gelebt leben will.
Und dies ist meiner Meinung nach auch der Weg aus der Depression: Sein inneres Kind an die Hand nehmen, adoptieren und lieben zu lernen. Sich selbst und diesem erlauben, Angst und Ohnmacht zu spüren anstatt diesen immer wieder mit Leistung, Alkohol, ständigem Getriebensein oder all den anderen falschen Pflastern so vieler Jahre, die immer nur eines bewirken: dass man sich selbst nicht mehr spürt, aus dem Wege zu gehen. Und aber auch: Seine dunkle Seite anerkennen und sich selbst erlauben, gegen Menschen, die man liebte und ggf. noch immer liebt, auch Wut und Haß zu empfinden. Denn dort gehören diese Gefühle auch hin. Dorthin statt in einen selbst, wo sie einen anschreien und immer wieder brüllen: Nein, Du musst die Täter Deiner Kindheit lieben, sie haben alles richtig gemacht, Du bist falsch, weil sie Dich schlugen oder mißhandelten. Nein: Niemand hat ein Recht, irgendeinem Kind auf dieser Welt die Liebe vorzuenthalten, die es bedingungslos braucht. Niemand. Alles Verständnis und alle Gründe und alle Rechtfertigungen und alles Rationalisieren ändern daran nichts: Du, ich, wir – kein Kind hatte derlei jemals verdient. Auch Du nicht, niemals!
Wer weiß und zu fühlen gelernt hat, dass Leben immer auch Ohnmacht wider das große Ganze und unausweichliches Leiden und Scheitern meint, und wer schließlich versteht, dass wir nicht auf der Welt sind, um unsere berechtigte Wut, unseren „heiligen Zorn“ über Unrecht und Verrohung unter uns Menschen abzutun und schließlich, auf dem besten Wege in die seelische Krankheit, gar gegen uns selbst zu richten, der oder die ist meiner Meinung nach auf einem guten Wege: ein ganzer Mensch zu werden – das, als was er oder sie auch einmal gemeint gewesen und dessen Erreichung uns allen als Aufgabe und Verpflichtung aufgetragen worden ist.

Artikelempfehlung:

Andrew Vachss: Du trägst das Heilmittel in Deinem eigenen Herzen

Buchempfehlungen:

Arno Gruen: Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität
Arno Gruen: Der Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau
Anita Timpe: Ich bin so wütend! Nutzen Sie die positive Kraft Ihrer Wut!

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3 Gedanken zu “Sublimierung

  1. Kristin Marquardt schreibt:

    Interessanter Beitrag. Ich kann nachvollziehen, dass es in manchen Situationen und fuer manche Betroffene hilfreich ist, ihre angestaute Wut freizulassen und auszuleben. Doch ich denke, es ist zu allgemein und greift zu kurz. Wut und Aggression sind immer noch sehr starke, negative Gefuehle, die weiterhin auf denjenigen wirken, der sie fuehlt. Ich glaube, der naechste Schritt zur Heilung waere, dass man sich von der Wut befreit und die Vergangenheit tatsaechlich als unabaenderlich akzeptiert und sein Selbstbild davon losloest.

    • jensejens schreibt:

      Liebe Christin, offenbar ist es mir nicht gelungen, meine Argumentation verständlich rüberzubringen; aber gut, dazu brauchts vielleicht auch ein Buch. Noch einmal in aller Kürze:

      1. Wer nicht in der Lage ist, alle seine Gefühle zu leben, wird krank.
      2. Depression und andere seelische Krankheiten sind die logische Konsequenz aus jahrzehntelanger Autoaggression, was bedeutet: nach innen gerichteter statt ausgelebter Aggression und Wut (Lehrbuchmeinung der Psychologie).
      3. Wer seine alte Wut nicht rauslässt, vermag nicht das zu werden, was ich im humanistischen Sinne als „vollständig gesund“ bezeichnen würde, weil das Alte dann nach wie vor der Pfropfen vor dem Jetzigen ist und eine Blockade bewirkt.

      Ansonsten teile ich nicht Deine normative und in keiner Weise begründete Behauptung, Aggression und Wut seien etwas „schlechtes“ oder „böses“. Wer keine Wut zu spüren und leben vermag, wird im Zweifelsfall ermordet; wer nicht „aggressiv“ im Sinne der Wortbedeugung ist, vermag es nicht „Nein!“ zu sagen, wenn er aufgefordert wird, etwas zu tun, was er nicht mag. Ich vermute, Du gehst der üblichen Diktion auf den Leim und verwechselst Aggression und Wut mit Gewalt. Das war meinerseits aber nicht intendiert. Ich fordere niemanden auf, gewalttätig zu sein, verteidige sehr wohl jedoch ein Menschenbild, das nach „Ganzheit“ strebt. Mehr dazu in der Gestalttherapie, hier ein kurzer Abriss: http://www.perspektiveleben.net/tagungen/upload/PDF/Vortrag_Richter_Lebensenergie.pdf. Auf jeden Fall vielen Dank für Deinen Kommentar.

  2. Susanne Emtekin schreibt:

    Sehr geehrter Herr Wernicke,
    wie viel Wut befindet sich in einem Menschen, der von klein auf in dem Glauben erzogen wurde, dass er nichts wert ist?! Ich habe noch zwei Geschwister (unsere Jahrgänge: 1961, 1963, 1969). Wie schwer fällt es uns, das Leben zu leben! Unsere Mutter wurde (wie mir meine Schwester lapidar vor ca. 4 Jahren mitteilte), zwischen ihrem 9. bis ca. 15 Lj. bissbraucht. Mein Bruder hat bis heute Panikattacken und fällt wg. Alkoholexzessen öfters mal aus.
    Ich bin die Stärkste – und kämpfe doch immer noch mit den Gespenstern der Kindheit. Alice Millers Bücher habe ich schon „durch“. – Danke für Ihren Artikel – er hat mir geholfen.
    LG S.

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